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Interview mit Paul und Nico / Julith Krishun
(Juni 2008)

Es rumorte in der Szene. Oft stolperte man über den Namen der Band Julith Krishun, doch wirklich zu Gesicht bekam man sie nur schwer. Hören konnte man auch nur etwas, wenn man sich durch den schieren Dschungel aus Kleinstveröffentlichungen gekämpft hatte, an die man aber nur mit erheblichem Aufwand kam. Das alles hat nun ein Ende: Die Chaos-Hardcorer Julith Krishun veröffentlichen mit ihrem selbstbetitelten Album eine ganz regulär CD. Die kann man wie gewöhnlich kaufen, nerdy ist das Ganze aber trotzdem. Ein Gespräch über D.I.Y., schlechtes Gewissen und Subkultur, die nicht länger als solche wahrgenommen werden sollte.
Kaum zu glauben: Julith Krishun veröffentlichen ein komplettes Album. Und das auch noch auf einer neumodischen CD. Fühlt ihr euch jetzt schlecht?
Paul: Schlecht, warum schlecht? Die meisten Leute hören nun einmal CDs, also war es an der Zeit. Wenn jemand Interesse hat das Ganze noch als 12″ zu veröffentlichen, wir würden es begrüßen. Die 10″ Split mit Trip Fontaine, auf der schon drei Songs von dem Album zu hören waren, sind beinahe komplett ausverkauft.
Ihr habt schon hundert Demos, Splits, Kassetten, 7”, 10”, 12”, usw. veröffentlicht. Wollt ihr nun weg von diesem Szeneding und mit einer CD eine breitere Öffentlichkeit ansprechen?
Paul: Sebastian von Sharkmen kam letztes Jahr zu uns und hat gefragt, ob er nicht unsere Songs auf CD veröffentlichen kann. Zuvor hatte er gelesen, wie sich einige Leute immer wieder beschwert haben, dass wir nur Vinyl hätten. Und da sowieso erst die Hälfte der 2006er Aufnahmesession auf Vinyl veröffentlicht war, dachten wir uns: Geil, bringen wir alles zusammen auf CD raus. So freuen sich auch die, die keinen Plattenspieler haben. Zudem ist das ganze Ding auch auf Mini-Disc erschienen und bald auch auf Tape erhältlich. Aber um ganz ehrlich zu sein, die meisten von uns haben gar keinen Plattenspieler.
Klingt alles sehr nerdy. Macht ihr Musik des Selbstzwecks wegen?
Paul: Ich denke vorwiegend machen wir aus Spaß an der Freude Musik. Wir kennen uns alle schon sehr lange und machen seit den Schulzeiten zusammen Musik. Angefangen hat alles mit einer schrottigen Punkband. Wir spielen das, was uns einfällt und worauf wir Bock haben, auch wenn das meistens weniger tanzbar ist. Mit der Zeit gewöhnt man sich aber daran, dass die Leute überfordert rumstehen.
Nico: Bei mir gab es am Anfang auch noch eine politische Motivation, die in den Texten noch leicht durchscheint. Allerdings musste ich im Laufe der Zeit feststellen, dass das einen Großteil der Leute nicht interessiert. Das andere Extrem sind dann Konzerte, bei denen eigentlich jeder in den politischen Diskursen der Szene und der sogenannten Linken steckt, doch da ist es hinfällig alles doppelt und dreifach zu wiederholen.
In diesem Umfeld der Szene und eures Labels stolpert man oft über den ominösen Begriff: D.I.Y, Do it yourself! Ist das für euch eine Art Lebenseinstellung oder macht man sich nicht selbst etwas vor und limitiert sich damit?
Paul: D.I.Y ist schon mehr oder weniger eine wichtige Sache, auch wenn wir sie nicht bewusst ausleben. Wir drucken unsere T-Shirts selbst, gestalten die Plattencover und buchen unsere Konzerte. Alles aber nicht unbedingt zwingend. Wenn wir ein Design haben, was wir nicht selbst drucken können oder keine Zeit dazu haben, dann übernehmen das durchaus auch andere. Das Gute am Selbermachen ist, das es meist schöner aussieht, man individuell arbeiten kann und zudem Geld spart. Vielleicht steckt im Endeffekt auch mehr Liebe drin. So wird es zum Fluff-Fest zum Beispiel eine schöne, auf 40 Stück limitierte, bunte, siebbedruckte Sammlerbox geben, die die CD, eine 7″ und ein paar Kleinigkeiten enthält.
Nico: D.I.Y. finde ich auch extrem wichtig. Gerade in Zeiten, in denen große Teile der Hardcore-Szene in kommerziellere Mainstream-Bereiche abdriften. Deswegen fühle ich mich auch auf großen Konzerten immer recht unwohl, weil der Anteil an Bollos und Mackergehabe oft überwiegt. Merkwürdiger Weise ist das, bei D.I.Y. Konzerten viel weniger der Fall. Dort gibt es dadurch schon eine Art Ausgrenzung, weil einfach nicht jeder Bescheid gesagt bekommt. Das mit der Separierung ist zwar immer so eine Sache, aber ich für meinen Teil finde Konzerte einfach angenehmer, auf denen keine Bollos rumrennen, weil ich dann weniger das Gefühl habe, dass es nur um Unterhaltung, Konsumieren und Selbstdarstellung geht. Man könnte sagen, der Wert von Hardcore als Subkultur steht und fällt mit dem Festhalten am D.I.Y.-Gedanken: Je weniger D.I.Y. organisiert wird, desto oberflächlicher wird es. Oder andersrum: Je mehr Mainstream, umso weniger Inhalt hat die Szene. Das ist das Dilemma der Kulturindustrie.
Paul: Da schließe ich mich an!
Gerade euer selbstgestaltetes Cover ist das auffälligste Merkmal, noch bevor man den ersten Ton gehört hat. Ist buntes gelb nicht viel zu niedlich für eure Art von Musik?
Paul: Ich hatte keinen Bock auf ein Plattencover, welches aussieht wie alle anderen. Also hab ich mich hingesetzt und ein bisschen gelb mit schwarz, blau, weiß und rot zusammengemischt. Zum Schluss noch etwas Lila-grünes unter Grau-violettes untergerührt und fertig war das Artwork. Als es aus der Druckerei kam, war allerdings ich ein wenig enttäuscht. Es hätte noch mehr knallen müssen. Neon ist ein ganz großes Ding.
Welche Rolle spielt ganz allgemein Gestaltung und Design im Bereich der härteren Musik heutzutage?
Paul: Eine große Rolle. Ich beobachte eine Abkehr von traditionellen, langweiligen Totenkopfmotiven, hin zu bunterem und ausgeflippterem Zeug. Allgemein gilt: Je stupider eine Band und deren Musik, desto langweiliger sind ihre Designs. Besonders Postrock-Bands geben sich bei der Gestaltung viel Mühe. Ich persönlich hasse bei den meisten Metalbands, dass sie alle tendenziell die gleichen Plattencover und T-Shirts haben: Düster und voller Photoshopeffekte. Etwas mehr Individualität könnte nicht schaden.
Zur Musik: Die klingt bei euch nach “Hummeln im Arsch”, sehr hektisch und unkontrolliert. Seid ihr hyperaktiv?
Paul: Hyperaktiv ist eigentlich nur Nico. Der arbeitet in drei Jobs, steht jeden Tag um 7 Uhr auf und geht nicht vor 3 Uhr ins Bett. Zudem tanzt er auf jeder Hochzeit und wenn er mal nicht feiern war, dann ist er unerträglich hibbelig. Manchmal wünschten wir uns, er würde mal ein paar Schritte kürzer treten.
Nico: Das lasse ich aus Selbstgefälligkeit mal so im Raum stehen. Zum Glück werden nicht meine WG-Mitbewohner gefragt.
Andererseits eilt euch auch ein chaotischer Ruf voraus. Ist das nicht zu engstirnig gedacht? Welche Bedeutung haben dann schleppendere Songs wie “Splintered Myself”?
Paul: Wir hören alle ganz unterschiedliche Musik und die Bandbreite vergrößert sich mit den Jahren immer mehr. Schleppendere Songs wie “Splintered Myself” entstehen einfach, weil wir da genauso Lust darauf haben wie auf die Prügelsongs. Eine Platte oder ein Konzert, bei dem die ganze Zeit durchgeballert wird, kann ganz schnell langweilig werden. Andersherum ebenso. Deswegen sind wir nicht festgefahren, was die Spielweise angeht.
Was für eine Spielwiese war dann euer Album?
Nico: Oh, schwer zu sagen. Eine übergeordnete Idee gibt es nicht. Jeder Text, den ich schreibe, ist sehr persönlich. Da spiegeln sich alle möglichen Sachen wieder, die mich beschäftigen, mitsamt allen Widersprüchen, die ich in mir trage. Ein gewisses politisches Bewusstsein ist mir schon wichtig, nur lässt sich das leider nicht mit einem Satz beschreiben. Letzten Endes versuche ich einfach Texte zu schreiben, die die Leute zum Nachdenken anregen. Mehr kann auch nicht der Anspruch sein, weil ich auch nicht einfach irgendwas vorsetzen will, was dann blind geschluckt wird. Auf jeden Fall ist das eine sehr zwiespältige Sache, bei der ich mich manchmal ganz schön unwohl fühle. Aber eigentlich teile ich ja nur meine Gedanken mit. Besonders ist es ja nur, weil es meine tiefsten Gedanken sind, die nun auf einmal auf dem Präsentierteller liegen. Irgendwie ist das schizophren. Aber die Grundidee der Texte ist auch, einen Blick auf die täglichen Widersprüche zu werfen, die nicht nur mich umgeben. Wenn man sich diesen Blick angewöhnt, wird es automatisch politisch. Aber man kann nur beschreiben, wirkliche Lösungen kann und will ich nicht anbieten. Jeder soll sich seine eigene Meinung bilden.
Musik ist doch aber ein Sprachrohr, dem eine Gewisse Wirkung nicht abzustreiten ist. Welche Gedanken sollten dann in der Musik und den Texten mehr thematisiert werden?
Nico: Die Selbstreflexion der Hardcore-Szene kommt viel zu kurz. Es sollte ein zentraler Punkt jeder Subkultur sein, sich selbst zu hinterfragen, wo die Verflechtungen mit einem kapitalistischen System liegen und was das wiederum für Auswirkungen hat. Das ist das A und O, weil man von diesem Punkt aus zu allen möglichen anderen Themen kommen kann, seien es nun Thor-Steinar-Assis auf Konzerten, chauvinistisches Gehabe oder was auch immer. Eigentlich sind alle Widersprüche, die man in der Gesellschaft findet, auch in der Hardcore-Szene wiederzufinden. Man muss von dem Ansatz der Identifizierung mit irgendwelchen Teilgesellschaften wegkommen. Die Leute gehören zwar der Hardcore-Szene an, sind aber immer noch ein Teil der gesamten Gesellschaft und deren Werte. Die Welt wäre wesentlich angenehmer, wenn wir uns alle einfach nur als Menschen betrachten würden, nicht mehr und nicht weniger. Dann wäre es auch verdammt schwer, irgendwen zu diskriminieren, sei es durch Hierarchien oder durch Vorurteile.
Ein Vorurteil ist auch, dass – abgesehen einiger weniger Bands aus Leipzig, Dresden oder Chemnitz – nichts Überregionales aus eurem Raum kommt. Vermisst ihr ein kreativeres Umfeld?
Paul: In Dresden ist definitiv recht wenig los. Die Szene ist klein und überschaubar, was aber eigentlich ganz gut ist. In manchen anderen Gegenden, sehen die Konzerte tendenziell alle gleich aus. Hier in Dresden ist die Szene dafür bunt gemischt. Vielleicht wäre in der Tat ein größeres kreatives Umfeld für neue Impulse besser, aber zurzeit gibt es noch nichts auszusetzen.
Nico: Es ist immer wieder schade, wenn ich sehe, wie viele Leute hier in der Region Musik machen, sei es elektronische oder gitarrenlastige. Da steckt gewaltiges Potential drin, wenn die Leute einfach ein bisschen mehr gemeinsam machen würden. Hier gibt es Soundsysteme, DJ’s, VJ’s, Künstler, Produzenten und haufenweise Bands, Labels und Veranstalter. Es wäre schon großartig, wenn sich allein ein paar davon zusammentun würden. Das wäre inhaltlich und musikalisch bestimmt spannend. Im Übrigen gilt das nicht nur für Dresden, sondern für jeden Fleck auf der Erde. Es gibt überall genug Potential. Wie CrimethInc. gerne gesagt haben: “The sky is the limit!”
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