Erst denken, dann …

Tuesday, August 12th, 2008 at 2:23 pm

| aktueller song: my brightest diamond - apples |

Cult Of Luna - Eternal Kingdom
Vö: 13. Juni 2008
Label: Earache / Rough Trade
Länge: 60:54 min
Hit: Following Betulas
Punkte: 8/10

Cult Of Luna - Eternal Kingdom

Am Anfang war der Gedanke, nicht das Wort. Zuerst denkt man immer etwas, bevor man den Mund aufmacht, auch wenn nur der Bruchteil einer Millisekunde dazwischen liegt. Zwar scheint es manchmal anders herum zu sein, ist es aber nicht. Somit ist unter diesem Aspekt eigentlich jedes Album ein Konzeptalbum, denn ohne eine zugrunde liegende Idee gäbe es gar keine Musik, keine einzige Note. Die Frage ist nun vielmehr, wie weit man diese Grundidee in den Vordergrund stellt und sie als roten Faden durch das eigene Werk zieht. Cult Of Luna machen das mittlerweile konsequenter, aufdringlicher, aber auch spielerischer und besser denn je.

Für viele Bands wäre es allein schon eine Geschichte wert, in einem alten Proberaum auf dem verlassenen Gelände eines Irrenhauses ein Album aufgenommen zu haben. Cult Of Luna sind aber nun einmal nicht irgendwer, schöpfen ihre Inspiration bekanntlich ganz anderen künstlerischen Quellen und setzen dem somit noch einen drauf. Dreh- und Angelpunkt ist diesmal das mystische Tagebuch “Tales from the eternal kingdom” von Holger Nilsson, was eher durch Zufall zwischen Zwangsjacke, verrostetem Psychobesteck und allerhand Zeichnungen von Patienten gefunden wurde. Doch hier beginnt erst die eigentliche Geschichte: Nilsson beschreibt eine abenteuerliche Welt, in der die Tiere um das böse Fabelwesen König Ugín - halb Mensch, halb Eule – einen Kampf gegen die guten Wesen – angeführt von einem Auerhahn – führen. Auch der Näcken (schwedisches Sinnbild für den Teufel) kommt in dieser Geschichte vor, soll er doch Nilssons Frau umgebracht haben. Vielmehr sitzt aber dieser selbst lebenslang in der Psychiatrie.

Was Cult Of Luna mit “Eternal kingdom” nun so einzigartig macht, ist die Herangehensweise an die Musik und die Kunst, sich dieser Grundidee der Geschichte - die ja wiederum auch auf verschiedenen Wahrheiten basiert - völlig auszuliefern. Gleichzeitig muss das alles zusätzlich in das bestehende Soundgewand der Band übersetzen werden. Hinzu kommt noch die bebilderte Ebene des Artworks, die das Album zu einem Gesamtkunstwerk zusammenfügt. Das mag in der Tat alles sehr überladen klingen, offenbart aber genau das, was anderswo oftmals fehlt: Tiefgang und Niveau. Cult Of Luna haben sich unlängst Narrenfreiheit erarbeitet und nutzen diese, um eben nicht nur sich selbst weiterzuentwickeln, sondern auch den Hörer ausreichend herausfordern zu können. Vom Umfang und der Art und Weise her ähnelt das schon beinahe den letzten Veröffentlichungen von The Ocean, Tool oder auch Mastodon.

Natürlich liegen dazwischen noch ein paar musikalische Welten, aber die Intentionen sind ebenso wie der Drang zur Neuerung die gleichen. Im Gegensatz zum fast perfekt melodischen “Somewhere along the highway” klingt “Eternal kingdom” wesentlich härter und rauer, ohne dies unterm Strich aber wirklich auch zu sein. Dieser innere Widerspruch ist das Ergebnis der neuen Vielfältigkeit, die zwar sehr durchdacht wirkt, trotz elektronischer Interludes und atmosphärischer Spielereien aber keineswegs aufgesetzt ist. “Eternal kingdom” besteht aus einer komplexen Geschichte, von der die Musik nur ein Teil zu sein scheint. Trotzdem offenbaren die sechzig Minuten voller abwechslungsreichstem Sludge fast genauso viele überraschende Momente, wie sie Fragen aufwerfen. Das gehört dazu, schließlich ist die Lebensgeschichte des Inspirators keineswegs durchsichtiger. Im Gegenteil: Monster, Krieg und gestörte Seelen sind ebenso präsent wie sich hoffnungsvolle Zwischenspiele neben dramatische Gitarrenschlachten gesellen. Man muss sich nur in die psychischen Abgründe vorarbeiten, um auf den Sinn zu stoßen. Die Idee ist schließlich die Message.

Tracklist:
01) lowlwgod
02) eternal kingdom
03) ghost trail
04) the lure
05) mire deep
06) the great migration
07) österbotten
08) curse
09) ugín
10) following betulas

© written for plattentests

Posted in Platten
by admin

Außen hui, innen hui

Monday, August 4th, 2008 at 2:04 am

| aktueller song: my brightest diamond - apples |

Lykke Li - Youth Novels
Vö: 29. August 2008
Label: LL / Eastwest / Warner
Länge: 44:48 min
Hit: I’m Good, I’m Gone
Punkte: 6/10

Lykke Li - Youth Novels

Typisch Schweden mal wieder: Hübscher Kern mit hübsche Verpackung. Lykke Li erfüllt alle gängigen Klischees, Erwartungen und Hoffnungen, die man in Bezug auf schwedische Popmusik zu pflegen weiß. Da wären: Hübsche, junge Frau steht auf der Bühne und sieht gut aus. Das stimmt soweit. Da Nordländer aber in der Regel weder plump, noch billig sind, wird dieses sexy Image natürlich nicht eins zu eins übertragen. Deswegen sieht “Youth Novels” nicht nur von außen recht zurückhaltend, aber ansprechend aus, sondern klingt es auch. Schon “Melodies & Desires” hört man dies ganz deutlich an: Spärlich instrumentiert wie ein Intro, aber die markant liebliche Stimme mit den prägnanten Texten stets in den Mittelpunkt gerückt. Das ist schließlich auch das Konzept des ganzen Albums. Selbst wenn die sachten Gitarren in “I’m Good. I’m Gone” einmal durch elektronische Beats ersetzt werden, wird davon nicht abgerückt. Bat For Lashes lassen grüßen. Eine andere Möglichkeit hätte Lykke Li allerdings auch gar nicht, dafür müssten die Melodien nämlich noch etwas ausgereifter sein. Dennoch bewährt sich ihre Herangehensweise an Popmusik: Stilvielfalt, trotz scheinbarer Schüchternheit. Schweden halt.

Tracklist:
01) melodies & desires
02) dance, dance, dance
03) i’m good, i’m gone
04) let it fall
05) my love
06) tonight
07) little bit
08) hanging high
09) this trumpet in my head
10) complaint department
11) breaking it up
12) everybody but me
13) time flies
14) window blues

© written for spoonfork

Posted in Platten
by admin

Hauptaugenmerk

Sunday, August 3rd, 2008 at 9:03 pm

| aktueller song: heavy heavy low low - kids, kids, kids |

Gotye - Like Drawing Blood
Vö: 22. August 2008
Label: SNS / Lucky Numbers / Pinnacle / Rough Trade
Länge: 47:45 min
Hit: The Only Thing I Know
Punkte: 5/10

Gotye - Like Drawing Blood

Weniger ist manchmal mehr. Das klingt nach einem doofen Sprichwort, ist es aber nicht. Es ist wirklich so. Gotyes neues Album “Like Drawing Blood” kann davon im wahrsten Sinne des Wortes ein Lied singen. Zum Beispiel das 21-sekündige Intro, in dem absolut gar nichts passiert oder zu hören ist, was aber unter dem Namen “Like Drawing Blood” sogar der Titeltrack sein soll. Das hätte man sich durchaus sparen können. Das interludeartige “Seven Hours With A Backseat Driver” lockert zwar mit einem Hauch von Weltmusik den poppigen und nicht selten auch ambienten, gar chilligen Indieelektro etwas auf, passt aber in seiner Vielzahl der Instrumentierung nicht unbedingt zum restlichen Album. Auch hier hätte ein Blick zurück aufs Wesentliche nicht geschadet. Dafür offenbart sich danach in “The Only Thing I Know” ein kleiner Hit, der gerade durch seine kleinen perkussiven Elemente hängen bleibt. Überhaupt liegen darin auch die Stärken von Gotye und nicht im Gesang, wie es “Learnalilgivinanlovin” belegt. Weniger wäre manchmal eben doch mehr.

Tracklist:
01) like drawing blood
02) the only way
03) hearts a mess
04) coming back
05) thanks for your time
06) learnalilgivinanlovin
07) puzzle with a piece missing
08) distinctive sound
09) seven hours with a backseat driver
10) the only thing i know
11) night drive
12) worn out blues

© written for spoonfork

Posted in Platten
by admin

Fortsetzung folgt

Tuesday, July 29th, 2008 at 11:09 pm

| aktueller song: ocoai - babble |

Fear My Thoughts - Isolation
Vö: 18. Juli 2008
Label: Century Media / EMI
Länge: 46:45 min
Hit: The Hunted
Punkte: 6/10

Fear My Thoughts - Isolation

Aus Alt mach Neu. Oft wurde genau das probiert, selten aber kam unterm Strich etwas Brauchbares dabei raus. Songs wurden geremixt oder geremastert, Filme von sonstwann neu aufgelegt, aber oft waren etwas jüngere Schauspieler die einzige Neuerung, die Aussage blieb ernüchternderweise stets die gleiche. Bei Fear My Thoughts musste allerdings jetzt auch irgendetwas Neues passieren, viel zu klischeehafter Standard war das letzte Album “Vulcanus”. Ob nun der Ausstieg (wahlweise auch Rausschmiss) des alten Sängers Mathias Benedikt von Ockl damit in direktem Zusammenhang steht, ist nicht lückenlos bekannt, tut aber eigentlich auch nichts zur Sache. Fakt ist vielmehr: Es war so oder so eine gute Entscheidung.

Neuer Mann hinter dem Mikrofon ist Martin Fischer. Doch auch wenn das die einzige personelle Veränderung ist, hat man bei “Isolation” das Gefühl, Fear My Thoughts wären komplett ausgewechselt wurden. So überrascht es sogar schon, dass die Badener nach dem Intro in “The blind walk over the edge” nicht gleich drauflos dreschen, um erst einmal eine Hausmarke zu setzen, so was wird ja schließlich liebend gern gemacht. Nein, vielmehr steigen sie im Midtempo ein, die neue Stimme ist sofort präsent und wird im Refrain sogar noch melodiöser. “The hunted” klingt danach zwar wesentlich rauer und schwedischer, offenbart aber auch hier wieder einen sehr rockigen Refrain. Selbst “Numbered by the beast” und “Bound and weakened” haben mit früherem Death Metal wenig zu tun, sondern gehen als glasklarer Alternative Metal durch.

Doch das ist noch nicht einmal das Problem, auch wenn mit großer Wahrscheinlichkeit viele Hörer abgeschreckt sein werden, weil Fear My Thoughts mitterweile zwei Schritte zurück machen, um einen nach vorne zu kommen. Eher hat “Isolation” seinen Schönheitsfehler im Detail: Ein abwechslungsarmes Album kann man Fear My Thoughts mit Sicherheit nicht vorwerfen, genausowenig, dass sie auf der Stelle tanzen würden. Man kann aber wohl sagen, dass durchweg alle Songs hauptsächlich nur im Refrain zünden, jedoch nicht durch ausgefallene Riffs oder eine drückende Atmosphäre, wie es bei Textures beziehungsweise Devil Sold His Soul der Fall ist. Und doch: Fear My Thoughts entwickeln sich weiter und probieren aus - ob es nun einzig am Sängerwechsel liegt oder nicht, bleibt dabei offen im Raum stehen. Ebenso, ob diese Entwicklung jedem behagen wird. Immerhin sind sie kein Abklatsch ihrer selbst.

Tracklist:
01) isolation
02) the blind walk over the edge
03) the hunted
04) numbered by the beast
05) bound and weakened
06) through the eyes of god
07) death chamber
08) pitch black
09) creeping lord
10) dumb, deaf and blinded
11) burning the lamb / the sacrifice

© written for plattentests

Posted in Platten
by admin

Altreifen

Wednesday, July 23rd, 2008 at 12:43 am

| aktueller song: caspian - some are white light |

Caspian - The Four Trees
Vö: 25. Juli 2008
Label: Make My Day / Al!ve
Länge: 60:16 min
Hit: Crawlspace
Punkte: 5/10

Caspian - The Four Trees

Das Rad. Erfunden wurde das revolutionäre Gerät um 4000 vor Christus irgendwo auf dieser Welt. Damals war aber an Postrock noch nicht einmal zu denken. Heute sieht das allerdings anders aus: Alles hat mittlerweile Räder, wirklich alles! Und jede zweite Band ist heutzutage im Postrock beheimatet, so scheint es zumindest. Dabei galt beides früher zu unserer Jugend einmal als größte intellektuelle Erfindung der Menschheit, aber mittlerweile wird beides völlig inflationär behandelt. Sogar Stühle haben inzwischen der Faulheit wegen Räder. Witzig ist: John Keogh aus Australien hat 2001 das Rad zum Patent angemeldet. Knapp 6.000 Jahre zu spät! Dafür hat er aber immerhin den Ig-Nobelpreis, den Anti-Nobelpreis für unnütze Dinge, bekommen. Wer behauptet, Caspian würden innovationen Postrock spielen, bekommt dann bestimmt diesen tollen Preis in der Kategorie Musik verliehen.

Caspian wollen dennoch viel: Mal ein bisschen softer wie in “Our breaths in winter” oder “The dove”, dann wiederum zur Abwechslung ein bisschen lauter und härter, wie zum Beispiel in “Some are white light” oder “Brombie”. Das ist zwar schön und gut, rollt zügig glatt in bester Slick-Manier ins Ohr, hat aber leider ebenso wenig Profil. Im Gegenzug dazu würde zwar der Reifen wahrlich in jeder Situation auf der Straße kleben, aber ob es so von Vorteil ist, wenn Caspian im Endeffekt zu keiner einzigen Sekunde die vorgeschriebene Strecke des Postrock verlassen, darf ernsthaft angezweifelt werden. Mal rotieren die Songs auf “The four trees” schneller, mal langsamer, teilweise sind sie sogar nicht mehr als ein ausrollendes Interlude (”The dropsonde”).

Was fehlt, sind die Aktionen: die brennenden Reifen, die Umdrehungen oder auch die ausgeschlagenen Kugellager. “Crawlspace” wirkt zwar mathematisch gut durchdacht, wäre dabei gerne aber gleichzeitig eine große emotionale Achterbahnfahrt. Es hat jedoch keinen Looping, der durch den Magen geht. Dennoch kommt in Verbindung mit dem folgenden “Book nine” durch ein paar kleine spielerische Effekte doch so etwas wie Atmosphäre auf, die aber in den folgenden Stücken nicht einfangen oder gar ausgebaut werden kann. Man wird also das Gefühl nicht los, Caspian wären sogar wirklich ganz gut, wenn eben das Rad nicht schon Jahre zuvor erfunden wurden wäre. Ist es aber. Erfüllt aber zum Glück auch heute noch seinen Zweck.

Tracklist:
01) moksha
02) some are white light
03) sea lawn
04) crawlspace
05) book ix
06) the dropsonde
07) brombie
08) our breath in winter
09) the dove
10) asa
11) reprise

© written for plattentests

Posted in Platten
by admin

Head & shoulders

Tuesday, July 15th, 2008 at 12:55 am

| aktueller song: carnifex - the nature of depravity |

Soulfly - Conquer
Vö: 25. Juli 2008
Label: Roadrunner / Warner
Länge: 57:07 min
Hit: Touching The Void
Punkte: 5/10

Soulfly - Conquer

Max Cavaleras ewige Dreadlocks und das neue Album von Soulfly haben viel gemeinsam. Leider Gottes fast zu viel. Viele Sagen ranken sich noch bis heute um seine Filzfrisur, und um Herrn Cavalera selbst natürlich auch. Doch dass das Wuchern auf seinem Kopf in direkten Zusammenhang zu seinem musikalischen Schaffen steht, konnte erst jetzt nachgewiesen werden. Nicht immer zum Vorteil der Beteiligten.

Erste Feldversuche wurden dabei an “Blood fire war hate” durchgeführt. Doch das Ergebnis ist nach der Auswertung aller Kriterien eher ernüchternd: Ein Riff so angestaubt wie eben jene ungewaschene Kopfbedeckung, ein Text so clever und geistreich wie die ein- und mehrzelligen Lebewesen, die in ihr wohnen, und ein Dave Vincent von Morbid Angel als Gastsänger, den man vor lauter thrasigem Gestrüpp weder sieht noch hört. Hätte man sich also auch schenken können. Einen positiven Aspekt konnte man nach langem Suchen glücklicherweise doch noch finden: Die Haare sind zwar auf kompletter Länge und Fülle mittlerweile recht glanzlos, aber der leicht schmuddelige und thrashige Look soll ja wieder im Kommen sein. “Back to the primitive” sozusagen.

Zwar versuchen Soulfly es, an härtere und kreativere Zeiten von damals anzuknüpfen, schaffen es hin und wieder sogar; was aber ganz eindeutig zu kurz kommt, sind diese kurzen spielerischen Elemente aus “Unleash”. Auch wenn hier abermals ein Gastsänger, Dave Peters von Throwndown, für wenig Sinn und Zweck verschlissen wird, so stellt sich immerhin heraus, dass diese instrumentalen Percussionparts zu den einfallsreichsten Momenten aufs Soulflys Neuer gehören. Immerhin. Genau deswegen sind übrigens auch “Paranoia” oder “Rough” grau wie Filzläuse, “Touching the void” und der instrumentale Abschluss “Soulfly VI” hingegen aber recht bunt, vielfältig und farbenfroh. Als ob Max Cavalera mal wieder seine Kopfpracht grün färben oder einfach nur irgendwelche Gimmicks reinhängen würde.

Schade ist aber auch, dass sich der gute Herr nun immer und überall als großer Mann von Welt gibt, der entlegenste Nationen bereist, aus wildesten Gebilden schräge Töne herausholt, es aber nicht wirklich hinbekommt, dies in seine Musik einzubauen. Zu fahl, zu standardisiert und zu vorhersehbar sind der Beginn und der Mittelteil von “Conquer”. Einzig ein guter Schluss reißt das Ruder noch herum Richtung Mittelfeld. Anno 2008 hängen Soulfly nun da wie Max Cavaleras Dreads: Auffällig, aber grobschlächtig. Und leicht muffelig.

Tracklist:
01) blood fire war hate (feat. dave vincent of morbid angel)
02) unleash (feat. dave peters of throwdown)
03) paranoia
04) warmageddon
05) war ghost
06) rough
07) fall of sycophants
08) doom
09) rot
10) touching the void
11) soulfly vi

© written for plattentests

Posted in Platten
by admin

Nichts als Luft

Monday, July 14th, 2008 at 3:34 am

| aktueller song: cue – forests of pencil pierced children |

Nichts als Luft
(Mai 2008)

(Pop Up Leipzig

Man hat das Gefühl es wäre Krieg. Indieszene gegen Major, die sogenannte Musikindustrie. Auch bekannt als “Das Böse”. Doch die unabhängige Musikszene ist unlängst ein Konstrukt aus alten Zeiten, von damals, Mitte der 90er, wo es wirklich noch ein Gut gegen Böse gegeben haben könnte. Heute sitzen doch alle im selben Boot, im sinkenden wohlgemerkt. Auch die angeblich Unabhängigen. Nichts verdeutlicht das mehr als die (Pop Up Messe 2008 in Leipzig.

Beispiellos waren dabei die Foren und Podiumsdiskussionen, die sich natürlich wie immer thematisch wirklich toll und interessant anhörten: “Local Heroes 3.0 - Lokale Strukturen im Zeitalter der globalen Vernetzung.”, “Vom Konzert zur mobilen Flashmob-Party - Die Zukunft des Live-Geschäfts ist offen für Ideen.” oder gerade auch “Wir haben die Asche, wo bleibt der Phönix? - Die Musikbranche vor einem neuen Anfang.”. Alles spannende Themen. Doch oft war der Veranstaltungstitel aber auch das Interessanteste an der gesamten Diskussion. Leider. Dabei ist es ja auch nicht so, dass es an Prominenz gefehlt hätte, denn mit Julia Gudzent von der Intro und dem Melt Festival, Christian Fischer von dem Piranha Magazin oder unter Anderem Peter Gruse vom Label Sinnbus wurde nicht nur ein guter Querschnitt geboten, sondern eigentlich eine eifrige Diskussion unter Leuten, die sich seit Jahren mehr oder weniger kennen vorprogrammiert. Offen, wie unter Freunden hätten sie sich die Meinung sagen können, in Zusammenarbeit mit dem Fachpublikum gar frische Gedanken austauschen müssen - doch denkste!

Es gab einmal den Ansatz in der jungen Musikszene, dass jemand, der kein Geld hat, dies mit unerbittlichen Einsatz und Kreativität wett machen müsse. In wahrlich beschissenen Zeiten wie heute, in denen Musikdownloads, verändertes Käuferinteresse, musikalischer Überfluss und mangelndes Geld wirklich entscheidende Probleme sind, ja gerade da scheint genau dieser Ansatz nicht mehr zu gelten. Sekündlich fragt man sich als Zuhörer und auch irgendwie als Beteiligter, selbst mit Untergehender: Wenn nicht jetzt was passiert, wann dann? Verdammte Axt!

Stattdessen sitzt ein gewisser Udo Raaf vom Internetportal Tonspion in eben einer dieser Expertenrunden und will uns tatsächlich verkaufen, dass ein Portal mit obligatorischen News, Amazon-Rezensionen und legalen MP3-Downloads von einzelnen Liedern nun die neue unverzichtbare Form der Indieszene im Internet wäre. Kostenlose MP3s bekommt man doch ohnehin schon an jeder Ecke des Internets hierher geschmissen und sind doch mittlerweile schon fast mehr ein Hauptgrund der globalen Musikkrise als deren Rettung. Passend dazu wird als weiteres Highlight nun sogar noch eine Social Community Funktion für die Seite angekündigt. Sehr schön, denken sich daraufhin alle - das Forum Nummer 4.239, in dem jeder seine total wichtige Meinung verewigen kann und bestimmt auch total coole Freunde mit gleichen Interessen kennenlernen kann. Wenn sich dazu noch ein Konzertveranstalter gesellt, der den Erfolg seiner Events bejubelt, bei denen ein Drittel aller Zuschauer über Gästelistenplätze reinkommen (85 Plätze in einem 300-Mann-Club) oder auch ein Printredakteur, der einfach ganz naiv weiter für Musikmagazine schreiben möchte, weil es die ja ohnehin immer geben wird, ja, dann gute Nacht liebe Musikwirtschaft! Aber so sieht sie wohl aus, die Zukunft der Musikbranche, da sind sich alle einig, Diskussionen gab es schließlich nicht.

Einzig Johannes Schardt von 2nd Rec scheint sich wohl wirklich Gedanken gemacht zu haben - und das waren in dieser Runde die wohl mit Abstand sinnbildlichsten. Vor einigen Monaten startete er mit seinem Label folgendes Projekt: Er verkaufte CDs zum Wunschpreis des Käufers, ähnlich dem Radiohead-Prinzip. Doch weil es einfach keine wirklichen Käufer im klassischen Sinne mehr gibt, ging der Versuch erheblich nach hinten los. So gab es aber, abgesehen vom finanziellen Desaster, immerhin noch eine kleine Initialzündung bei ihm. Die sieht zwar nun so aus, dass der gute Mann etwas ratlos im Podium sitzt und oft seine Neuausrichtung und Sinnsuche betont, aber genau das ist es! Denn zum einen ist genau das der Punkt, an dem sich die Musikindustrie – egal ob Major oder Indie – genau in diesen Sekunden befindet und zum anderen wäre genau das der richtig Augenblick gewesen, an dem alle Diskussionen hätten starten müssen. Dass heutzutage Musik oft illegal runtergeladen wird, dürfte nunmehr bekannt sein, ebenso dürfte jeder schon einmal auf Tonspion gewesen sein oder hat etwas von der Intro Magazin oder dem Sinnbus Label gehört. Keiner Diskussion bringt der Ist-Zustand etwas, zumal nicht, wenn sie Großteils vor Fachpublikum geführt wird. Und vor allem nicht, wenn sie Zusätze im Titel beinhalten wie eben “Die Zukunft des Live-Geschäfts ist offen für Ideen.”. Von Zukunft war nämlich an diesem Tag nie die Rede, von Ideen sowieso nicht. Maximal vom Schimpfen auf die bösen Majors. Aber das ist Schnee von vorgestern. Gähn!

* (pop up leipzig

by admin

Wie süß

Sunday, June 29th, 2008 at 4:13 pm

| aktueller song: japanese sunday - tigers on ships |

Khale - Sleepworks
Vö: 23. Mai 2008
Label: Own / Ali!ve
Länge: 35:52 min
Hit: Little Black Bed
Punkte: 7/10

Khale - Sleepworks

“Och, schau mal! Gudschi, gudschi! Ist er nicht süß, der Kleine? Die strahlenden Augen hat er bestimmt von Mama. Der wird später bestimmt einmal ein ganz ganz Hübscher! Gudschi!!!” Als wir so etwas hören mussten, waren wir circa vier Monate alt, lagen wehrlos im Kinderwagen, sahen wirklich noch süß aus und wurden oft liebevoll in die Wange gekniept. Heute kniept maximal der Hinterm vom Bürostuhl, und die Augen sehen auch nicht mehr aus wie von Mutti, sondern eher wie millimetergroße Sehschlitze. Hübsch ist also tatsächlich etwas anderes! Aber wie das so ist, muss man ja immer eigene Defizite kompensieren. Genau deswegen haben wir nicht nur Poster von Frauen mit sexy Augen an der Wand hängen, sondern stehen mittlerweile selbst auf diese ganzen süßen Sachen.

Khale haben also schon jetzt einen dicken Pluspunkt. Nicht weil sie eine schicke Mädchenband sind - das sind Khale nämlich nicht -, sondern weil “Sleepwork” ganz einfach ein so rundum süßes Album ist. Wirklich liebenswert. Vielleicht nicht ganz so klebrig-zuckrig wie rosa Zuckerwatte, aber durchaus so niedlich wie unsere orangenen Schühchen damals in Größe 13. Oder das Orange von Plattentests.de heute, denn das ist genauso wenig kitschig wie dieses Album. Hinzu kommt, dass das Baby in der Tat noch recht jung ist. Erst 2006 hat Kael Smith es zur Welt gebracht, ein reines Singer/Songwriter-Kind sollte es werden. Die ersten zarten stimmlichen Singversuche in “Garrison”, aber auch in allen anderen Liedern, klingen entsprechend reduziert-einfach, inhaltlich oft nur zwischen den Zeilen lesbar, aber von der Melodie her fast schon popig-naiv.

Doch wirklich Laufen gelernt hat der kleine Racker erst später: Produktionstechniker und Multiinstrumentalist Jame White auf der einen Seite, Matt Heron am Klavier auf der anderen Seite nahmen den Sprössling behutsam an die Hand und ließen die ersten Schritte nach und nach flüssiger werden. Zusammen nannten sie den Süßen von nun an Khale. Aus dem Singer/Songwriter-Kind wuchs immer mehr ein verspielter, ambienter, leicht elektronisch beeinflusster Sprössling hervor, dessen Bruder Efterklang in Indie sein könnte. Kompakt, behutsam und überaus melodisch erscheinen die zehn Schritte, die einzeln schon gut vorgeführt werden, aber auch zusammenhängend einen kleinen Lauf ergeben. Zaghaftes und innehaltendes Nachdenken, während die anderen Pop-Kinder schön längst spielend vorbeirennen. Doch die werden stolpern. Und dann stehen Khale da und machen “Gudschi, gudschi”!

Tracklist:
01) garrison
02) the living desert
03) little black bed
04) meanwhile, as i await guests
05) caldas
06) wild to see you
07) assemble the meal
08) my little sister’s curiosity
09) sleepworks
10) working …

© written for plattentests

Posted in Platten
by admin

Plauderstunde

Friday, June 27th, 2008 at 12:04 am

| aktueller song: joan as police woman - holiday |

Interview mit Marcel Detels / Time Has Come
(Juni 2008)

Time Has Come

Interviews führen ist in der Regel ja langweilig. Da sitzt man in einem Café, trinkt halt Kaffee und fragt die Band etwas Pseudospannendes zum neuen Album, das ist schließlich auch meist der Anlass des Gesprächs. Noch schlimmer: Interviews im Hotel. Dort lümmelt man in der Regel zwar etwas bequemer, dafür hat man dazu aber auch eine Atmosphäre, die steriler als ein Operationssaal ist. Zum Glück läuft in Hamburg alles anders ab. Begrüßendes Handschütteln und die Frage nach einem gekühlten Bier sind bei Time Has Come nämlich ein und derselbe Vorgang. So wird gleich eine gute Arbeitsgrundlage geschaffen. Danach nimmt alles seinen Lauf, selbst die Band darf Fragen stellen.

Cheers!

Schau aber erstmal hier! Das ist aktuell so auf meinem iPod drauf. Ich stehe ja gerade total auf Oceansize und solche Sachen. Überhaupt ist auch da nur eine einzige Prügelplatte drauf: Burning Skies. Aber das sind echt klasse Typen, die will man einfach nur knuddeln und liebhaben.

Und ganz schön viel von Jakob …

Ja! Vor allem habe ich aber auch einmal Bock etwas in diese Richtung zu machen. Gut, ich muss zugeben, ich habe gesanglich absolut null Talent, da bilde ich mir auch gar nichts Gegenteiliges ein. Aber in der Richtung würde ich gerne mehr ausprobieren.

Reden wir gerade von richtigem Gesang? Also so ganz Richtigem? Schwer vorstellbar.

Ja, natürlich! Ich mein, man wird nicht jünger und ich habe auch keine Lust mehr mit 35 immer noch den Krächzhahn zu spielen. Andererseits hänge ich mit 35 aber die Musik auch nicht einfach so an den Nagel, die wird mich also auch weiterhin begleiten. Da bin ich wirklich auf mich selbst gespannt, in welche Richtung ich mich entwickeln werde. Vielleicht bekomme ich ja doch zwei oder drei richtige Gesangstöne raus.

Hast du dafür schon Gesangsstunden gebucht?

Nein, ich habe auch noch nie welche gehabt. Aber sowas habe ich mir schon immer einmal vorgenommen. Es geht ja nicht nur um den reinen Gesang, vor allem lernt man dort auch Sachen wie Atemtechniken oder ähnliches. Vierzig Minuten durchweg schreien, kann auf Dauer nicht von Vorteil sein. Auf jeden Fall werde ich sowas machen, zumal ich nie ein Feind von Gesängen war, abgesehen von dem ganzen eingeschobenen Gesäusel im Power Metal oder auch im Metalcore. Da frage ich mich jedesmal: Was soll der Quatsch überhaupt? Zu 95% klingt das einfach schlecht. Schrecklich.
Wie ist das eigentlich beim Schreiben? Gibt es da auch ein System, was man sich anlernt oder macht man das nach Sympathie? … Also nur, wenn ich auch einmal eine kleine Zwischenfrage stellen darf.

Klar, nur zu! Sympathie spielt aber eigentlich gar keine Rolle. Man schreibt, was man denkt und eigentlich sollte man sich auch keine Bands oder Platten raussuchen, von denen man Fan ist, da geht nur der glaubwürdige Blick verloren.

Was mich als Teil einer Band nämlich interessiert: Wie oft hört man dann eine Platte, bevor man sich für eine Wertung festlegt?

Ich kann da nur für mich selbst sprechen, da hat schließlich jeder eine andere Herangehensweise. Qualität ist auch beim Schreiben über Musik wichtig, also bekommt jede Platte mindestens sieben oder acht Durchläufe. Oft aber mehr.

Das Ding ist, dass genau das mich teilweise echt frustriert: Von Bands werden immer gute Alben erwartet, aber dann schreiben Leute Reviews, in denen sogar wörtlich geschrieben steht, dass sie das Album nur halb oder maximal einmal gehört haben. Da kann ich es doch gar nicht ernst nehmen, wenn Leute schreiben, wir würden unstrukturiertes Gelärme machen, was irgendeinem amerikanischen Trend um Converge oder The Dillinger Escape Plan hinterher hechelt. Aber es gab zum Glück auch positives Feedback. Es war also fast so, wie wir es erwartet hatten.

Ihr wolltet bewusst polarisieren?

Es klingt vielleicht doof, aber ganz ganz früher, fand ich es cool, wenn sich an so jemand wie Marylin Manson die Geister gespalten haben. Nicht, dass wir es drauf anlegen würden, aber es ist gut, wenn sich die Leute an etwas stoßen und aufreiben können.

Ist es dann auch anstößig, wenn man mehr oder weniger alles an Musik hört? Du machst keinen Hehl daraus, dass du viel Hip-Hop hörst. Man könnte dich dann für einen Konsenstypen halten.

Sicherlich klingt es komisch, wenn du jemand auf einer Party triffst, der dann sagt: Ich höre alles! Aber ich höre ja nicht Musik, nur weil es mir in meiner Wohnung zu leise ist, sondern weil mich jeder einzelne Song irgendwie kickt. Ob ich nun Lust habe zu feiern, zu heulen, abzuschalten, zu kotzen oder verknallt bin, was auch immer: All das hat man doch in sich drinnen, dafür braucht man diesen breiten Soundtrack einfach.

Und was sagt Mutter zum Musikgeschmack des Sohnes?

Mutti freut sich zwar, dass es der Sohn mit so einer Kellerband doch zu etwas gebracht hat, aber meine Eltern finden die Musik schrecklich. Das sagen sie zwar nicht so in der Form, aber meine Mutter macht sich schon Sorgen, dass ich auf der Bühne halb sterben könnte. Aber sie sind trotzdem stolz, dass sich die Arbeit nun doch auszahlt. Sie könnte theoretisch in den Media Markt nebenan gehen und sich das Album kaufen, das zeigt ihr: Der Sohn hat doch etwas auf die Reihe gebracht.

© written for stardust

Posted in Interviews
by admin

Subkultur: Fluch und Segen

Thursday, June 26th, 2008 at 1:35 am

| aktueller song: trip fontaine - cachacha |

Interview mit Paul und Nico / Julith Krishun
(Juni 2008)

Julith Krishun

Es rumorte in der Szene. Oft stolperte man über den Namen der Band Julith Krishun, doch wirklich zu Gesicht bekam man sie nur schwer. Hören konnte man auch nur etwas, wenn man sich durch den schieren Dschungel aus Kleinstveröffentlichungen gekämpft hatte, an die man aber nur mit erheblichem Aufwand kam. Das alles hat nun ein Ende: Die Chaos-Hardcorer Julith Krishun veröffentlichen mit ihrem selbstbetitelten Album eine ganz regulär CD. Die kann man wie gewöhnlich kaufen, nerdy ist das Ganze aber trotzdem. Ein Gespräch über D.I.Y., schlechtes Gewissen und Subkultur, die nicht länger als solche wahrgenommen werden sollte.

Kaum zu glauben: Julith Krishun veröffentlichen ein komplettes Album. Und das auch noch auf einer neumodischen CD. Fühlt ihr euch jetzt schlecht?

Paul: Schlecht, warum schlecht? Die meisten Leute hören nun einmal CDs, also war es an der Zeit. Wenn jemand Interesse hat das Ganze noch als 12″ zu veröffentlichen, wir würden es begrüßen. Die 10″ Split mit Trip Fontaine, auf der schon drei Songs von dem Album zu hören waren, sind beinahe komplett ausverkauft.

Ihr habt schon hundert Demos, Splits, Kassetten, 7”, 10”, 12”, usw. veröffentlicht. Wollt ihr nun weg von diesem Szeneding und mit einer CD eine breitere Öffentlichkeit ansprechen?

Paul: Sebastian von Sharkmen kam letztes Jahr zu uns und hat gefragt, ob er nicht unsere Songs auf CD veröffentlichen kann. Zuvor hatte er gelesen, wie sich einige Leute immer wieder beschwert haben, dass wir nur Vinyl hätten. Und da sowieso erst die Hälfte der 2006er Aufnahmesession auf Vinyl veröffentlicht war, dachten wir uns: Geil, bringen wir alles zusammen auf CD raus. So freuen sich auch die, die keinen Plattenspieler haben. Zudem ist das ganze Ding auch auf Mini-Disc erschienen und bald auch auf Tape erhältlich. Aber um ganz ehrlich zu sein, die meisten von uns haben gar keinen Plattenspieler.

Klingt alles sehr nerdy. Macht ihr Musik des Selbstzwecks wegen?

Paul: Ich denke vorwiegend machen wir aus Spaß an der Freude Musik. Wir kennen uns alle schon sehr lange und machen seit den Schulzeiten zusammen Musik. Angefangen hat alles mit einer schrottigen Punkband. Wir spielen das, was uns einfällt und worauf wir Bock haben, auch wenn das meistens weniger tanzbar ist. Mit der Zeit gewöhnt man sich aber daran, dass die Leute überfordert rumstehen.

Nico: Bei mir gab es am Anfang auch noch eine politische Motivation, die in den Texten noch leicht durchscheint. Allerdings musste ich im Laufe der Zeit feststellen, dass das einen Großteil der Leute nicht interessiert. Das andere Extrem sind dann Konzerte, bei denen eigentlich jeder in den politischen Diskursen der Szene und der sogenannten Linken steckt, doch da ist es hinfällig alles doppelt und dreifach zu wiederholen.

In diesem Umfeld der Szene und eures Labels stolpert man oft über den ominösen Begriff: D.I.Y, Do it yourself! Ist das für euch eine Art Lebenseinstellung oder macht man sich nicht selbst etwas vor und limitiert sich damit?

Paul: D.I.Y ist schon mehr oder weniger eine wichtige Sache, auch wenn wir sie nicht bewusst ausleben. Wir drucken unsere T-Shirts selbst, gestalten die Plattencover und buchen unsere Konzerte. Alles aber nicht unbedingt zwingend. Wenn wir ein Design haben, was wir nicht selbst drucken können oder keine Zeit dazu haben, dann übernehmen das durchaus auch andere. Das Gute am Selbermachen ist, das es meist schöner aussieht, man individuell arbeiten kann und zudem Geld spart. Vielleicht steckt im Endeffekt auch mehr Liebe drin. So wird es zum Fluff-Fest zum Beispiel eine schöne, auf 40 Stück limitierte, bunte, siebbedruckte Sammlerbox geben, die die CD, eine 7″ und ein paar Kleinigkeiten enthält.

Nico: D.I.Y. finde ich auch extrem wichtig. Gerade in Zeiten, in denen große Teile der Hardcore-Szene in kommerziellere Mainstream-Bereiche abdriften. Deswegen fühle ich mich auch auf großen Konzerten immer recht unwohl, weil der Anteil an Bollos und Mackergehabe oft überwiegt. Merkwürdiger Weise ist das, bei D.I.Y. Konzerten viel weniger der Fall. Dort gibt es dadurch schon eine Art Ausgrenzung, weil einfach nicht jeder Bescheid gesagt bekommt. Das mit der Separierung ist zwar immer so eine Sache, aber ich für meinen Teil finde Konzerte einfach angenehmer, auf denen keine Bollos rumrennen, weil ich dann weniger das Gefühl habe, dass es nur um Unterhaltung, Konsumieren und Selbstdarstellung geht. Man könnte sagen, der Wert von Hardcore als Subkultur steht und fällt mit dem Festhalten am D.I.Y.-Gedanken: Je weniger D.I.Y. organisiert wird, desto oberflächlicher wird es. Oder andersrum: Je mehr Mainstream, umso weniger Inhalt hat die Szene. Das ist das Dilemma der Kulturindustrie.

Paul: Da schließe ich mich an!

Gerade euer selbstgestaltetes Cover ist das auffälligste Merkmal, noch bevor man den ersten Ton gehört hat. Ist buntes gelb nicht viel zu niedlich für eure Art von Musik?

Paul: Ich hatte keinen Bock auf ein Plattencover, welches aussieht wie alle anderen. Also hab ich mich hingesetzt und ein bisschen gelb mit schwarz, blau, weiß und rot zusammengemischt. Zum Schluss noch etwas Lila-grünes unter Grau-violettes untergerührt und fertig war das Artwork. Als es aus der Druckerei kam, war allerdings ich ein wenig enttäuscht. Es hätte noch mehr knallen müssen. Neon ist ein ganz großes Ding.

Welche Rolle spielt ganz allgemein Gestaltung und Design im Bereich der härteren Musik heutzutage?

Paul: Eine große Rolle. Ich beobachte eine Abkehr von traditionellen, langweiligen Totenkopfmotiven, hin zu bunterem und ausgeflippterem Zeug. Allgemein gilt: Je stupider eine Band und deren Musik, desto langweiliger sind ihre Designs. Besonders Postrock-Bands geben sich bei der Gestaltung viel Mühe. Ich persönlich hasse bei den meisten Metalbands, dass sie alle tendenziell die gleichen Plattencover und T-Shirts haben: Düster und voller Photoshopeffekte. Etwas mehr Individualität könnte nicht schaden.

Zur Musik: Die klingt bei euch nach “Hummeln im Arsch”, sehr hektisch und unkontrolliert. Seid ihr hyperaktiv?

Paul: Hyperaktiv ist eigentlich nur Nico. Der arbeitet in drei Jobs, steht jeden Tag um 7 Uhr auf und geht nicht vor 3 Uhr ins Bett. Zudem tanzt er auf jeder Hochzeit und wenn er mal nicht feiern war, dann ist er unerträglich hibbelig. Manchmal wünschten wir uns, er würde mal ein paar Schritte kürzer treten.

Nico: Das lasse ich aus Selbstgefälligkeit mal so im Raum stehen. Zum Glück werden nicht meine WG-Mitbewohner gefragt.

Andererseits eilt euch auch ein chaotischer Ruf voraus. Ist das nicht zu engstirnig gedacht? Welche Bedeutung haben dann schleppendere Songs wie “Splintered Myself”?

Paul: Wir hören alle ganz unterschiedliche Musik und die Bandbreite vergrößert sich mit den Jahren immer mehr. Schleppendere Songs wie “Splintered Myself” entstehen einfach, weil wir da genauso Lust darauf haben wie auf die Prügelsongs. Eine Platte oder ein Konzert, bei dem die ganze Zeit durchgeballert wird, kann ganz schnell langweilig werden. Andersherum ebenso. Deswegen sind wir nicht festgefahren, was die Spielweise angeht.

Was für eine Spielwiese war dann euer Album?

Nico: Oh, schwer zu sagen. Eine übergeordnete Idee gibt es nicht. Jeder Text, den ich schreibe, ist sehr persönlich. Da spiegeln sich alle möglichen Sachen wieder, die mich beschäftigen, mitsamt allen Widersprüchen, die ich in mir trage. Ein gewisses politisches Bewusstsein ist mir schon wichtig, nur lässt sich das leider nicht mit einem Satz beschreiben. Letzten Endes versuche ich einfach Texte zu schreiben, die die Leute zum Nachdenken anregen. Mehr kann auch nicht der Anspruch sein, weil ich auch nicht einfach irgendwas vorsetzen will, was dann blind geschluckt wird. Auf jeden Fall ist das eine sehr zwiespältige Sache, bei der ich mich manchmal ganz schön unwohl fühle. Aber eigentlich teile ich ja nur meine Gedanken mit. Besonders ist es ja nur, weil es meine tiefsten Gedanken sind, die nun auf einmal auf dem Präsentierteller liegen. Irgendwie ist das schizophren. Aber die Grundidee der Texte ist auch, einen Blick auf die täglichen Widersprüche zu werfen, die nicht nur mich umgeben. Wenn man sich diesen Blick angewöhnt, wird es automatisch politisch. Aber man kann nur beschreiben, wirkliche Lösungen kann und will ich nicht anbieten. Jeder soll sich seine eigene Meinung bilden.

Musik ist doch aber ein Sprachrohr, dem eine Gewisse Wirkung nicht abzustreiten ist. Welche Gedanken sollten dann in der Musik und den Texten mehr thematisiert werden?

Nico: Die Selbstreflexion der Hardcore-Szene kommt viel zu kurz. Es sollte ein zentraler Punkt jeder Subkultur sein, sich selbst zu hinterfragen, wo die Verflechtungen mit einem kapitalistischen System liegen und was das wiederum für Auswirkungen hat. Das ist das A und O, weil man von diesem Punkt aus zu allen möglichen anderen Themen kommen kann, seien es nun Thor-Steinar-Assis auf Konzerten, chauvinistisches Gehabe oder was auch immer. Eigentlich sind alle Widersprüche, die man in der Gesellschaft findet, auch in der Hardcore-Szene wiederzufinden. Man muss von dem Ansatz der Identifizierung mit irgendwelchen Teilgesellschaften wegkommen. Die Leute gehören zwar der Hardcore-Szene an, sind aber immer noch ein Teil der gesamten Gesellschaft und deren Werte. Die Welt wäre wesentlich angenehmer, wenn wir uns alle einfach nur als Menschen betrachten würden, nicht mehr und nicht weniger. Dann wäre es auch verdammt schwer, irgendwen zu diskriminieren, sei es durch Hierarchien oder durch Vorurteile.

Ein Vorurteil ist auch, dass – abgesehen einiger weniger Bands aus Leipzig, Dresden oder Chemnitz – nichts Überregionales aus eurem Raum kommt. Vermisst ihr ein kreativeres Umfeld?

Paul: In Dresden ist definitiv recht wenig los. Die Szene ist klein und überschaubar, was aber eigentlich ganz gut ist. In manchen anderen Gegenden, sehen die Konzerte tendenziell alle gleich aus. Hier in Dresden ist die Szene dafür bunt gemischt. Vielleicht wäre in der Tat ein größeres kreatives Umfeld für neue Impulse besser, aber zurzeit gibt es noch nichts auszusetzen.

Nico: Es ist immer wieder schade, wenn ich sehe, wie viele Leute hier in der Region Musik machen, sei es elektronische oder gitarrenlastige. Da steckt gewaltiges Potential drin, wenn die Leute einfach ein bisschen mehr gemeinsam machen würden. Hier gibt es Soundsysteme, DJ’s, VJ’s, Künstler, Produzenten und haufenweise Bands, Labels und Veranstalter. Es wäre schon großartig, wenn sich allein ein paar davon zusammentun würden. Das wäre inhaltlich und musikalisch bestimmt spannend. Im Übrigen gilt das nicht nur für Dresden, sondern für jeden Fleck auf der Erde. Es gibt überall genug Potential. Wie CrimethInc. gerne gesagt haben: “The sky is the limit!”

© written for ox fanzine

Posted in Interviews
by admin