Archive for May, 2009

Was die Welt zusammenhält

Saturday, May 9th, 2009 at 23:36

| aktueller song: jeniferever – concrete and glass |

Isis – Wavering Radiant
Vö: 08. Mai 2009
Label: Conspiracy / Cargo
Länge: 54:04 min
Hit: Hand Of The Host
Punkte: 7/10

Isis - Wavering Radiant

Musik hat etwas mit Emotionen, Gefühl, Ausdruck und Kreativität zu tun – das unterschreibt einem jeder. Paradoxerweise erfordert gute Musik aber auch genau das Gegenteil: Struktur, Handwerk, klare Konzepte und feste Ziele. Das Bindemittel, das all das zusammenfügt und auch zusammenhalten muss, ist: Mathematik. Eine Übersicht der Mengenlehre.

Die Teilmenge: Eine Menge A heißt Teilmenge einer Menge B, wenn jedes Element von A auch Element von B ist. Daher muss es also ein Element geben, das quasi über allem thront, eine Menge B, die alles unter sich vereint. Bisher wechselte sich dieses Element bei Isis desöfteren ab, mal war es der Sound selbst, mal der Song, mal die Atmosphäre. Doch all das verkommt auf “Wavering radiant” auch nur zu Teilmengen, da das Grundelement diesmal ein anderes ist: Die Komplexität. Jeder andere Aspekt muss sich nun unterordnen, seien es die monumentaleren Melodien von “In the absence of truth” oder die erdrückendere Stimmung von “Panopticon”.

Die Gleichheit: Zwei Mengen heißen gleich, wenn sie dieselben Elemente enthalten. Und wenn diese gleich gewichtet sind. So zum Beispiel Kopf- und Bauchgefühl. Denn nach x-maligem Hören kommt man zu dem Schluss, dass beide Instinkte zwangsläufig ausgeglichen sein müssen. Zwar gibt es wieder vermehrt Passagen, die zum Versinken in tiefen Gitarren einladen, doch im gleichen Atemzug wirkt das Album auf kompletter Länge auch wesentlich nachdenklicher, organisierter und eben auch viel dichter als seine Vorgänger. Mitdenken wird also umso mehr gefordert.

Die Leermenge: Die Menge, die kein Element enthält, heißt leere Menge. Und die besaßen Isis glücklicherweise nie und klammern Sinnfreiheit auch diesmal aus, was aber auch eine Selbstverständlichkeit ist. Trotzdem macht sich gerade zu Beginn unterschwellig das Gefühl breit, die einzelnen Songs hätten an Seele eingebüßt oder Isis würden auf hohem Niveau stagnieren, von produktionstechnischen Details einmal abgesehen. Doch irgendwann, später als bei vorherigen Alben, macht es doch wieder “Klick” und die Gleichung unter dem Bruchstrich wird durchschaubarer: Latenz + Lakonie + Perfektionismus + Universalität ist ungleich Null.

Die Schnittmenge: Die Schnittmenge ist die Menge der Elemente, die in jedem Element enthalten sind. Mit großer Sicherheit ist genau das nämlich auch der Unterschied, der Isis von gewöhnlichen Bands abhebt: Die Gabe, Gefühle technisch perfekt zu transportieren, diese aber auch gleichzeitig einfach und komplex in einem darstellen zu können. Wie in “Hall of the dead”, dem Ohrwurmmonster als Opener, das die fehlerlose Durchschnittsmenge aus Kreativität und Konzept ist.

Die Vereinigungsmenge: Die Menge der Elemente, die in mindestens einem Element sind. Was quasi die duale Erweiterung des vorherigen Punkts ist: Isis loten den Grad der durchwanderten Gefühlszustande weiter und weiter aus, proben den Twist zwischen neuer alter Rohheit und fortgeführter Melodiösität und erreichen dabei den handwerklichen Höhepunkt mit großartigen Songs und einem in sich geschlossenen Album – ohne große Überraschungen. Die gibt es in der Mathematik eben seit hundert Jahren kaum noch. Und trotzdem hält sie die Welt weiterhin zusammen.

Tracklist:
01) hall of the dead
02) ghost key
03) hand of the host
04) wavering radiant
05) stone to wake a serpent
06) 20 minutes / 40 years
07) treshold of transformation

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Weil einfach einfach einfach ist

Tuesday, May 5th, 2009 at 00:36

| aktueller song: tina dico – he doesn’t know |

Static-X – Cult Of Static
Vö: 27. März 2009
Label: Reprise / Warner
Länge: 42:06 min
Hit: Tera-Fied
Punkte: 5/10

Static-X - Cult Of Static

Keep it clean and simple! Das ist eine der wenigen Phrasen, welche eigentlich immer Gültigkeit besitzt und obendrein auch noch Sinn ergibt. Static-X haben diese Weisheit seit 15 Jahren, sechs Studioalben und keinem Frisurwechsel konstant angewendet. Sie haben die Einfachheit sogar gänzlich verinnerlicht und sich dabei keinen Millimeter weiterentwickelt. Es ist folglich also auch völlig legitim, dass wir es uns ähnlich einfach machen und eine Art Best-of-Collage der Rezensionen von “Machine” bis “Cannibal” zusammenstellen. Ein symbolischer Querschnitt.

“Static-X bleiben sich in musikalischer Hinsicht mehr als treu: Staubtrockener Hochgeschwindigkeitsrumpelrock zwischen Presslufthammer, Rüttler und Dampfwalze, dessen Innovationsgehalt seit Jahren nur knapp jenseits der Null tendiert. Stabil und stilbewusst bleiben sie im Windschatten von Slipknot, Coal Chamber, Korn und Konsorten, gehen wie jene dann auch mal gelegentlich ein bisschen vom Gas oder erinnern auch mal an den Monster-Groove der seligen White Zombie. Aber mit dem Baukastenprinzip gewinnt man keine Schlachten” – auch vier Jahre nach “Start a war” nicht.

“Die einzelnen Tracks sind durchaus kompakt und wirken für sich genommen wie der berühmte Schlag ins Gesicht. Das Ganze hat allerdings einen Haken: Dem Album fehlt es an wirklichen Highlights. Meist brettert die Musik in ewig gleichem Tempo vor sich hin, während Static fast ununterbrochen wie am Spieß brüllt. Richtig gut werden Static-X bezeichnenderweise nur dann, wenn sie den Fuß ein wenig vom Gaspedal nehmen. Dann allerdings ziehen sie alle Register, die dieses Genre bietet. Resultat sind kalte, geradezu klinische Sounds” – die sich seit “Machine”-Zeiten nicht geändert haben.

“Aber: Die Truppe um Turmfrisurträger, Sänger, Gitarrist, Bandgründer und Namenspate Wayne Static versucht endlich, ihrer stilistischen Selbsteinstufung als “Evil Disco” gerecht zu werden. Und das sogar mit einigem Erfolg. Wo das Debüt-Album noch aus derbem neumetallischen Geboller, garniert mit Trance- und Industrial-Elementen, bestand und der Zweitling weitgehend nur dasselbe Spektrum in möglichst hoher Geschwindigkeit runterbretterte, taucht auf dem Drittwerk “Shadow zone” vermehrt ein nahezu revolutionäres Versatzstück auf: die Melodie” – die diesmal glücklicherweise sogar noch ausgebaut wird.

“Tatsächlich stechen Static-X mit ihrem steril-maschinellen Sound zu dieser markanten Stimme ihres Frontmannes in diesen Tagen noch mehr heraus als zur damaligen Zeit, in der es mit Fear Factory oder Spineshank immerhin noch Genre-Konkurrenz gab. Sicherlich lädt dieser antiseptische Stil und dessen weiterhin konsequente Fortführung dazu ein, der Band Stillstand vorzuwerfen, doch würde das “Cannibal” keineswegs gerecht werden. Gitarrensoli wie auch Elektroelemente rücken wesentlich mehr in den Vordergrund.” Man mag es kaum glauben, aber Static-X schreiben nach 15 Jahren mit “Tera-fied” ihren ersten vollwertigen Song. Das muss bei soviel dreistem Recycling auch mal festgehalten werden.

Tracklist:
01) lunatic
02) z28
03) terminal
04) hypure
05) tera-fied
06) stingwray
07) you am i
08) isolaytore
09) nocturnally
10) skinned
11) grind 2 halt

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