Archive for March, 2009

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Tuesday, March 31st, 2009 at 19:01

| aktueller song: into the moat – grunt |

Mastodon – Crack The Skye
Vö: 27. März 2009
Label: Relapse / Warner
Länge: 50:03 min
Hit: The Last Baron
Punkte: 8/10

Mastodon - Crack The Skye

Verfluchen wir nicht die technischen Entwicklungen unserer Zeit, den Fortschritt in Nullen und Einsen, der uns so ruhmreiche Erfindungen eingebrockt hat wie rein digitale Sex-Erlebnisse, Pilzrahmsuppe in 58kb-Datenpaketen. Und nicht zuletzt digitale Bemusterungen der Plattenfirmen (für unsereins) beziehungsweise Downloads über iTunes & Co. oder schlimmstenfalls illegale Wege für Normalkonsumenten. Üben wir also keine grundlegende Systemkritik, das ist nun einmal der Lauf der Zeit, zeigen wir stattdessen lieber die Probleme auf, die sich daraus ergeben. Das wären: Rückbildung sexueller Fähigkeit trotz dreimaligem Aufrufen einschlägiger Internetseiten, Rückbildung des Geschmacksinns, da Champignons nur im ZIP-Format der elektronischen Suppe beigemischt werden. Und die Rückbildung jeglichen Verständnisses für Musik als individuelle Form von Kunst. Die wahren Leidtragenden: Mastodon!

Es tut weh, zu sehen, wie viele Gedanken sich Mastodon über ihr aktuelles Album und ihre Musik machen – seitenweise Statements über persönliche Schicksale, die den neuen Sound der Band beeinflussten, ebenso wie Kommentare zu inhaltlichen Konzepten, zur Produktion oder zum Hintergrund des abstrakten Artworks. Das Problem ist aber, in Zeiten von Bits und Bytes sieht man davon nicht viel, außer ein paar MP3s oder HTML-Seiten. Ein Cover von ein paar Hundert Pixel breit und hoch muss vielen das Gefühl und die Wirkung eines ganzheitlich illustrierten Konzepts über Himmel, Weltraum und russische Zaren vermitteln.

Doch eigentlich haben Mastodon alles richtig gemacht. Wahrlich alles! “Crack the skye” sind nicht nur bloß sieben Songs, bei denen es um eine multidimensionale Reise geht, in der der Hauptcharakter seinen entstellten Körper verlässt, in den Weltraum reist, zu dicht an die Sonne kommt, in ein Wurmloch gezogen und daraufhin in die Sphäre der Geister katapultiert wird, diese überzeugen muss, dass er selbst keiner ist, um daraufhin von einer russischen Sekte ins frühe 20. Jahrhundert geschleust zu werden, in Rasputins Körper erwacht, nach dem Mordanschlag ins Reich des Teufels kommt und um dann – endlich – in die Gegenwart zurückzukehren. Nein, “Crack the skye” vielmehr ist eine verdammte Achterbahnfahrt! Immer bergauf und bergab, im Sekundentakt zwischen Kopf und Magen hin und her.

Sieht man nun einmal von den Haupteinflüssen Thin Lizzy, Iron Maiden, Neurosis und Melvins ab, gibt es noch genau zwei Dinge, wegen denen Mastodon mittlerweile so gewaltig und gleichzeitig vertiefter als jemals zuvor klingen: zum einen Brent Hinds schwere Kopfverletzung nach der VMA-Schlägerei, zum anderen Produzent Brendan O’Brien. Letzter verlieh Mastodon einen noch größer angelegten Sound, rauer und rockiger, bei wesentlich mehr Raum für Gesang und Mehrstimmigkeit, auch wenn dafür das Geschrei weichen musste. Keiner wird es vermissen. Dafür sind Mastodon intimer denn je, nicht nur aufgrund der persönlichen Texte, die auch Brann Dailors verstorbener Schwester Skye gewidmet sind. Alles in allem eine Menge Stoff, für den die 50 Minuten kaum ausreichen, zumal die Hälfte der Botschaft im Jahr 2009 bei manchen im Nullen-und-Einsen-Wahn untergehen wird. Ab in den Plattenladen!

Tracklist:
01) oblivion
02) divinations
03) quintessence
04) the czar (i. usurper ii. escape iii. martyr iv. spiral)
05) ghost of karelia
06) crack the skye (feat. scott kelly)
07) the last baron

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Die Wurmzüngler

Thursday, March 19th, 2009 at 23:32

| aktueller song: anders teglund – i whisper, he lives |

Scraps Of Tape – Grand Letdown
Vö: 20. März 2009
Label: Zankyo / Tenderversion / Al!ve
Länge: 41:52 min
Hit: The Long Silence
Punkte: 7/10

Scraps Of Tape - Grand Letdown

Scraps Of Tape sind das Chamäleon unter den Bands: bunt, anpassungsfähig sowie gut und böse in einem. Faszinierende Wesen. Und dabei ist es egal, von welcher Seite man nun “Grand letdown” betrachtet. Das geht schon bei der Artenvielfalt dieser Viecher los, bei der es ungefähr 160 verschiedene gibt. Und von annähernd so vielen Musikrichtungen ließen sich Scraps Of Tape beeinflussen. Ganz offensichtlich ist das natürlich Postrock, doch die schon fast songorientierte Herangehensweise, der mittlerweile um ein Vielfaches vermehrte Gesang und die Vielzahl der einprägsamen Melodiebögen deuten aber auch auf eine ganze andere Gattung hin: Popmusik. Huch!

Doch noch viel mehr sind Chamäleons ja für ihre Anpassungsfähigkeit, ihre Farbwechsel und Rundumblick bekannt. All diese Eigenschaften haben sich auch Scraps Of Tape angeschafft, aus zwei Gründen sogar: Tarnung und Beeindruckung. So ist es also absolut nicht negativ gemeint, wenn man Scraps Of Tape anlässlich von “Grand letdown” Veränderund unterstellt. Sie sind tatsächlich eingängiger und zugänglicher geworden. Sie passen sich an, nicht dem Zeitgeist, sondern der künstlerischen Umwelt und dem herausfordernden musikalischem Umfeld. Das hat den Vorteil, dass sie nicht in der Postrock-Evolution gnadenlos gefressen werden, gleichzeitig aber auch weit über diesen Rand hinausschauen. Eines der besten Beispiele hierfür könnte “Filler” sein: Im Original von Minor Threat könnte hingegen diese Coverversion auch von Jeniferever stammen. Eine gute Mischung. Oder “The long silence” mit seinem Einschlag von The Appleseed Cast. Auch das Namedropping will schlie&szliglichüberleben.

Man sagt ja auch nicht umsonst, dass Chamäleons als Symbol für die Einheit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gelten. So überwinden Scraps Of Tape in ihren Liedern angestaubten Postrock, nervigen Indierock und vor allem ihren Schatten. Dabei schaffen sie ihre ganz eigene Version zeitgenössischer Musik: oft härter als naheliegende Referenzen, oft aber auch weicher und intensiver. Das hat Zukunft. Ein weiterer fragwürdiger Mythos besagt, dass Frauen keine Chamäleons anschauen sollten, da sich sonst niemand für sie interessieren wird. Doch das ist Quatsch: 87% aller “Grand letdown”-Hörerinnen haben jetzt viel mehr Sex. Und besseren!

Tracklist:
01) bring the heavy
02) the long silence
03) the blindspot
04) linear opticts
05) filler (minor threat cover)
06) grand letdown
07) five fingers
08) brick by brick, building your own house
09) love them anyway
10) eric (carpet people cover)
11) master blaster

© written for plattentests

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Erster Eindruck: Stockholm

Tuesday, March 17th, 2009 at 16:11

| aktueller song: idiot pilot – good luck |

Erster Eindruck: Stockholm
(März 2009)

Metroplan Stockholm

Jeder schwärmt von Stockholm. Zwar weiß man nie genau, warum überhaupt, aber meist hat diese Person damit Recht. Teilweise zumindest. Denn eigentlich hat Stockholm gleich mehrere Probleme: Es sieht aus wie Budapest, ist dabei nur nicht ganz so schön. Zudem kann man im Frühjahr das Wetter getrost als mies beschreiben. Und überhaupt ist nicht alles Gold was glänzt. Letzteres gilt besonders für gern und auffällig getragene bunte Leggings. Leider sind die nämlich nicht immer von Vorteil. Natürlich sieht die durchschnittliche schwedische Hausfrau besser aus als ihr deutsches Pendant, die Anfang 20-Jährigen sowieso, aber das ist noch lange kein Freifahrtsschein für alle Freizügigkeiten. Es liegt aber vielleicht auch am englischen Flair, das über ganz Stockholm liegt: Die schwenglische Sprache, das Wetter, die Preise, die Kultur der jungen Generation. Großteils besteht die aus dem Zeigen, was man hat, gepaart mit einem Leben im gefühlten Individualismus, der schon längst Mainstream geworden ist. Es ist ein Spagat zwischen Kunst und Kommerz, Stilsicherheit und Überbetonungen, ein Zwist zwischen königlicher Küche und McDonalds. Zweiteres wird meist bevorzugt, auch wenn die Cafés, Bars und Restaurant wirklich hübsch und einladend aussehen. Es muss an den Preisen liegen. Doch der vermeintliche Vorteil ist, Stockholm ist nicht so hipp und pseudo wie London, sondern deutscher als einem lieb sein mag: adrett, entgegenkommend und vor allem gemütlich. Es ist quasi das Düsseldorf von Nordeuropa, wenn auch mit etwas mehr jugendlichem Flair, aber auch nicht weniger dekadent. Außerdem ist es trotz seiner Größe ähnlich überschaubar wie Hamburg, wobei man den Vergleich eigentlich umdrehen müsste, denn bekanntlich möchte Hamburg ja eher Stockholm sein. Warum auch immer. Und wenn dann noch ein Ostdeutscher das Highlight der ersten Stockholm-Tage darstellt – die Ausstellung von Andreas Gursky – dann ist die Desillusion perfekt. Und die rosarote Seifenblase geplatzt.

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Knapp daneben

Wednesday, March 4th, 2009 at 01:49

| aktueller song: imogen heap – have you got it in you? |

Scale The Summit – Carving Desert Canyons
Vö: 20. März 2009
Label: Prosthetic / Soulfood
Länge: 39:51 min
Hit: Sargasso Sea
Punkte: 6/10

Scale The Summit - Carving Desert Canyons

Es gibt ärgerliche Momente im Leben: Zwei Punkte an der nächst besseren Abiturnote vorbei gerutscht zu sein, beim Rekordversuch im Massenluftgitarrenspielen fünf Leute zu wenig akquiriert zu haben oder eben auf seinem Album vergessen, die Stimme aufzunehmen. So geschehen bei Scale The Summit. Fast hätte es ja sogar geklappt, auch ohne Sänger ein rundum gutes Instrumentalalbum einspielen, doch das obligatorische Quäntchen fehlte halt doch einfach. Knapp daneben ist bekanntlich auch vorbei. Das Gute dabei ist aber, dass auf “Carving Desert Canyons” trotzdem keiner den Kopf in den Sand steckt. Vielmehr spielen Scale The Summit froh und munter drauflos, haben auch keine Angst wie ihre alte Helden um ein Haar einmal zu viel zu frickeln, um danach aber recht zügig den Bocken über solide stampfende Metalparts zurück zur Melodie zu spannen. Das ist wirklich spannend und abwechslungsreich, zu keinem Zeitpunkt so langatmig wie so mancher Postrock und auch bei weitem nicht so nervig wie quietschiger Mathrock. Trotzdem: An zwei oder drei Stellen einen stimmlichen Überraschungseffekt eingesetzt, dann würde man sich im Nachhinein weniger ärgern. Beim nächsten Mal eben.

Tracklist:
01) bloom
02) sargasso sea
03) great plains
04) dunes
05) age of the tide
06) glacial planet
07) city in the sky
08) giants

© written for fuze magazine

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