Archive for July, 2008

Fortsetzung folgt

Tuesday, July 29th, 2008 at 23:09

| aktueller song: ocoai – babble |

Fear My Thoughts – Isolation
Vö: 18. Juli 2008
Label: Century Media / EMI
Länge: 46:45 min
Hit: The Hunted
Punkte: 6/10

Fear My Thoughts - Isolation

Aus Alt mach Neu. Oft wurde genau das probiert, selten aber kam unterm Strich etwas Brauchbares dabei raus. Songs wurden geremixt oder geremastert, Filme von sonstwann neu aufgelegt, aber oft waren etwas jüngere Schauspieler die einzige Neuerung, die Aussage blieb ernüchternderweise stets die gleiche. Bei Fear My Thoughts musste allerdings jetzt auch irgendetwas Neues passieren, viel zu klischeehafter Standard war das letzte Album “Vulcanus”. Ob nun der Ausstieg (wahlweise auch Rausschmiss) des alten Sängers Mathias Benedikt von Ockl damit in direktem Zusammenhang steht, ist nicht lückenlos bekannt, tut aber eigentlich auch nichts zur Sache. Fakt ist vielmehr: Es war so oder so eine gute Entscheidung.

Neuer Mann hinter dem Mikrofon ist Martin Fischer. Doch auch wenn das die einzige personelle Veränderung ist, hat man bei “Isolation” das Gefühl, Fear My Thoughts wären komplett ausgewechselt wurden. So überrascht es sogar schon, dass die Badener nach dem Intro in “The blind walk over the edge” nicht gleich drauflos dreschen, um erst einmal eine Hausmarke zu setzen, so was wird ja schließlich liebend gern gemacht. Nein, vielmehr steigen sie im Midtempo ein, die neue Stimme ist sofort präsent und wird im Refrain sogar noch melodiöser. “The hunted” klingt danach zwar wesentlich rauer und schwedischer, offenbart aber auch hier wieder einen sehr rockigen Refrain. Selbst “Numbered by the beast” und “Bound and weakened” haben mit früherem Death Metal wenig zu tun, sondern gehen als glasklarer Alternative Metal durch.

Doch das ist noch nicht einmal das Problem, auch wenn mit großer Wahrscheinlichkeit viele Hörer abgeschreckt sein werden, weil Fear My Thoughts mitterweile zwei Schritte zurück machen, um einen nach vorne zu kommen. Eher hat “Isolation” seinen Schönheitsfehler im Detail: Ein abwechslungsarmes Album kann man Fear My Thoughts mit Sicherheit nicht vorwerfen, genausowenig, dass sie auf der Stelle tanzen würden. Man kann aber wohl sagen, dass durchweg alle Songs hauptsächlich nur im Refrain zünden, jedoch nicht durch ausgefallene Riffs oder eine drückende Atmosphäre, wie es bei Textures beziehungsweise Devil Sold His Soul der Fall ist. Und doch: Fear My Thoughts entwickeln sich weiter und probieren aus – ob es nun einzig am Sängerwechsel liegt oder nicht, bleibt dabei offen im Raum stehen. Ebenso, ob diese Entwicklung jedem behagen wird. Immerhin sind sie kein Abklatsch ihrer selbst.

Tracklist:
01) isolation
02) the blind walk over the edge
03) the hunted
04) numbered by the beast
05) bound and weakened
06) through the eyes of god
07) death chamber
08) pitch black
09) creeping lord
10) dumb, deaf and blinded
11) burning the lamb / the sacrifice

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Altreifen

Wednesday, July 23rd, 2008 at 00:43

| aktueller song: caspian – some are white light |

Caspian – The Four Trees
Vö: 25. Juli 2008
Label: Make My Day / Al!ve
Länge: 60:16 min
Hit: Crawlspace
Punkte: 5/10

Caspian - The Four Trees

Das Rad. Erfunden wurde das revolutionäre Gerät um 4000 vor Christus irgendwo auf dieser Welt. Damals war aber an Postrock noch nicht einmal zu denken. Heute sieht das allerdings anders aus: Alles hat mittlerweile Räder, wirklich alles! Und jede zweite Band ist heutzutage im Postrock beheimatet, so scheint es zumindest. Dabei galt beides früher zu unserer Jugend einmal als größte intellektuelle Erfindung der Menschheit, aber mittlerweile wird beides völlig inflationär behandelt. Sogar Stühle haben inzwischen der Faulheit wegen Räder. Witzig ist: John Keogh aus Australien hat 2001 das Rad zum Patent angemeldet. Knapp 6.000 Jahre zu spät! Dafür hat er aber immerhin den Ig-Nobelpreis, den Anti-Nobelpreis für unnütze Dinge, bekommen. Wer behauptet, Caspian würden innovationen Postrock spielen, bekommt dann bestimmt diesen tollen Preis in der Kategorie Musik verliehen.

Caspian wollen dennoch viel: Mal ein bisschen softer wie in “Our breaths in winter” oder “The dove”, dann wiederum zur Abwechslung ein bisschen lauter und härter, wie zum Beispiel in “Some are white light” oder “Brombie”. Das ist zwar schön und gut, rollt zügig glatt in bester Slick-Manier ins Ohr, hat aber leider ebenso wenig Profil. Im Gegenzug dazu würde zwar der Reifen wahrlich in jeder Situation auf der Straße kleben, aber ob es so von Vorteil ist, wenn Caspian im Endeffekt zu keiner einzigen Sekunde die vorgeschriebene Strecke des Postrock verlassen, darf ernsthaft angezweifelt werden. Mal rotieren die Songs auf “The four trees” schneller, mal langsamer, teilweise sind sie sogar nicht mehr als ein ausrollendes Interlude (“The dropsonde”).

Was fehlt, sind die Aktionen: die brennenden Reifen, die Umdrehungen oder auch die ausgeschlagenen Kugellager. “Crawlspace” wirkt zwar mathematisch gut durchdacht, wäre dabei gerne aber gleichzeitig eine große emotionale Achterbahnfahrt. Es hat jedoch keinen Looping, der durch den Magen geht. Dennoch kommt in Verbindung mit dem folgenden “Book nine” durch ein paar kleine spielerische Effekte doch so etwas wie Atmosphäre auf, die aber in den folgenden Stücken nicht einfangen oder gar ausgebaut werden kann. Man wird also das Gefühl nicht los, Caspian wären sogar wirklich ganz gut, wenn eben das Rad nicht schon Jahre zuvor erfunden wurden wäre. Ist es aber. Erfüllt aber zum Glück auch heute noch seinen Zweck.

Tracklist:
01) moksha
02) some are white light
03) sea lawn
04) crawlspace
05) book ix
06) the dropsonde
07) brombie
08) our breath in winter
09) the dove
10) asa
11) reprise

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Head & shoulders

Tuesday, July 15th, 2008 at 00:55

| aktueller song: carnifex – the nature of depravity |

Soulfly – Conquer
Vö: 25. Juli 2008
Label: Roadrunner / Warner
Länge: 57:07 min
Hit: Touching The Void
Punkte: 5/10

Soulfly - Conquer

Max Cavaleras ewige Dreadlocks und das neue Album von Soulfly haben viel gemeinsam. Leider Gottes fast zu viel. Viele Sagen ranken sich noch bis heute um seine Filzfrisur, und um Herrn Cavalera selbst natürlich auch. Doch dass das Wuchern auf seinem Kopf in direkten Zusammenhang zu seinem musikalischen Schaffen steht, konnte erst jetzt nachgewiesen werden. Nicht immer zum Vorteil der Beteiligten.

Erste Feldversuche wurden dabei an “Blood fire war hate” durchgeführt. Doch das Ergebnis ist nach der Auswertung aller Kriterien eher ernüchternd: Ein Riff so angestaubt wie eben jene ungewaschene Kopfbedeckung, ein Text so clever und geistreich wie die ein- und mehrzelligen Lebewesen, die in ihr wohnen, und ein Dave Vincent von Morbid Angel als Gastsänger, den man vor lauter thrasigem Gestrüpp weder sieht noch hört. Hätte man sich also auch schenken können. Einen positiven Aspekt konnte man nach langem Suchen glücklicherweise doch noch finden: Die Haare sind zwar auf kompletter Länge und Fülle mittlerweile recht glanzlos, aber der leicht schmuddelige und thrashige Look soll ja wieder im Kommen sein. “Back to the primitive” sozusagen.

Zwar versuchen Soulfly es, an härtere und kreativere Zeiten von damals anzuknüpfen, schaffen es hin und wieder sogar; was aber ganz eindeutig zu kurz kommt, sind diese kurzen spielerischen Elemente aus “Unleash”. Auch wenn hier abermals ein Gastsänger, Dave Peters von Throwndown, für wenig Sinn und Zweck verschlissen wird, so stellt sich immerhin heraus, dass diese instrumentalen Percussionparts zu den einfallsreichsten Momenten aufs Soulflys Neuer gehören. Immerhin. Genau deswegen sind übrigens auch “Paranoia” oder “Rough” grau wie Filzläuse, “Touching the void” und der instrumentale Abschluss “Soulfly VI” hingegen aber recht bunt, vielfältig und farbenfroh. Als ob Max Cavalera mal wieder seine Kopfpracht grün färben oder einfach nur irgendwelche Gimmicks reinhängen würde.

Schade ist aber auch, dass sich der gute Herr nun immer und überall als großer Mann von Welt gibt, der entlegenste Nationen bereist, aus wildesten Gebilden schräge Töne herausholt, es aber nicht wirklich hinbekommt, dies in seine Musik einzubauen. Zu fahl, zu standardisiert und zu vorhersehbar sind der Beginn und der Mittelteil von “Conquer”. Einzig ein guter Schluss reißt das Ruder noch herum Richtung Mittelfeld. Anno 2008 hängen Soulfly nun da wie Max Cavaleras Dreads: Auffällig, aber grobschlächtig. Und leicht muffelig.

Tracklist:
01) blood fire war hate (feat. dave vincent of morbid angel)
02) unleash (feat. dave peters of throwdown)
03) paranoia
04) warmageddon
05) war ghost
06) rough
07) fall of sycophants
08) doom
09) rot
10) touching the void
11) soulfly vi

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Nichts als Luft

Monday, July 14th, 2008 at 03:34

| aktueller song: cue – forests of pencil pierced children |

Nichts als Luft
(Mai 2008)

(Pop Up Leipzig

Man hat das Gefühl es wäre Krieg. Indieszene gegen Major, die sogenannte Musikindustrie. Auch bekannt als “Das Böse”. Doch die unabhängige Musikszene ist unlängst ein Konstrukt aus alten Zeiten, von damals, Mitte der 90er, wo es wirklich noch ein Gut gegen Böse gegeben haben könnte. Heute sitzen doch alle im selben Boot, im sinkenden wohlgemerkt. Auch die angeblich Unabhängigen. Nichts verdeutlicht das mehr als die (Pop Up Messe 2008 in Leipzig.

Beispiellos waren dabei die Foren und Podiumsdiskussionen, die sich natürlich wie immer thematisch wirklich toll und interessant anhörten: “Local Heroes 3.0 – Lokale Strukturen im Zeitalter der globalen Vernetzung.”, “Vom Konzert zur mobilen Flashmob-Party – Die Zukunft des Live-Geschäfts ist offen für Ideen.” oder gerade auch “Wir haben die Asche, wo bleibt der Phönix? – Die Musikbranche vor einem neuen Anfang.”. Alles spannende Themen. Doch oft war der Veranstaltungstitel aber auch das Interessanteste an der gesamten Diskussion. Leider. Dabei ist es ja auch nicht so, dass es an Prominenz gefehlt hätte, denn mit Julia Gudzent von der Intro und dem Melt Festival, Christian Fischer von dem Piranha Magazin oder unter Anderem Peter Gruse vom Label Sinnbus wurde nicht nur ein guter Querschnitt geboten, sondern eigentlich eine eifrige Diskussion unter Leuten, die sich seit Jahren mehr oder weniger kennen vorprogrammiert. Offen, wie unter Freunden hätten sie sich die Meinung sagen können, in Zusammenarbeit mit dem Fachpublikum gar frische Gedanken austauschen müssen – doch denkste!

Es gab einmal den Ansatz in der jungen Musikszene, dass jemand, der kein Geld hat, dies mit unerbittlichen Einsatz und Kreativität wett machen müsse. In wahrlich beschissenen Zeiten wie heute, in denen Musikdownloads, verändertes Käuferinteresse, musikalischer Überfluss und mangelndes Geld wirklich entscheidende Probleme sind, ja gerade da scheint genau dieser Ansatz nicht mehr zu gelten. Sekündlich fragt man sich als Zuhörer und auch irgendwie als Beteiligter, selbst mit Untergehender: Wenn nicht jetzt was passiert, wann dann? Verdammte Axt!

Stattdessen sitzt ein gewisser Udo Raaf vom Internetportal Tonspion in eben einer dieser Expertenrunden und will uns tatsächlich verkaufen, dass ein Portal mit obligatorischen News, Amazon-Rezensionen und legalen MP3-Downloads von einzelnen Liedern nun die neue unverzichtbare Form der Indieszene im Internet wäre. Kostenlose MP3s bekommt man doch ohnehin schon an jeder Ecke des Internets hierher geschmissen und sind doch mittlerweile schon fast mehr ein Hauptgrund der globalen Musikkrise als deren Rettung. Passend dazu wird als weiteres Highlight nun sogar noch eine Social Community Funktion für die Seite angekündigt. Sehr schön, denken sich daraufhin alle – das Forum Nummer 4.239, in dem jeder seine total wichtige Meinung verewigen kann und bestimmt auch total coole Freunde mit gleichen Interessen kennenlernen kann. Wenn sich dazu noch ein Konzertveranstalter gesellt, der den Erfolg seiner Events bejubelt, bei denen ein Drittel aller Zuschauer über Gästelistenplätze reinkommen (85 Plätze in einem 300-Mann-Club) oder auch ein Printredakteur, der einfach ganz naiv weiter für Musikmagazine schreiben möchte, weil es die ja ohnehin immer geben wird, ja, dann gute Nacht liebe Musikwirtschaft! Aber so sieht sie wohl aus, die Zukunft der Musikbranche, da sind sich alle einig, Diskussionen gab es schließlich nicht.

Einzig Johannes Schardt von 2nd Rec scheint sich wohl wirklich Gedanken gemacht zu haben – und das waren in dieser Runde die wohl mit Abstand sinnbildlichsten. Vor einigen Monaten startete er mit seinem Label folgendes Projekt: Er verkaufte CDs zum Wunschpreis des Käufers, ähnlich dem Radiohead-Prinzip. Doch weil es einfach keine wirklichen Käufer im klassischen Sinne mehr gibt, ging der Versuch erheblich nach hinten los. So gab es aber, abgesehen vom finanziellen Desaster, immerhin noch eine kleine Initialzündung bei ihm. Die sieht zwar nun so aus, dass der gute Mann etwas ratlos im Podium sitzt und oft seine Neuausrichtung und Sinnsuche betont, aber genau das ist es! Denn zum einen ist genau das der Punkt, an dem sich die Musikindustrie – egal ob Major oder Indie – genau in diesen Sekunden befindet und zum anderen wäre genau das der richtig Augenblick gewesen, an dem alle Diskussionen hätten starten müssen. Dass heutzutage Musik oft illegal runtergeladen wird, dürfte nunmehr bekannt sein, ebenso dürfte jeder schon einmal auf Tonspion gewesen sein oder hat etwas von der Intro Magazin oder dem Sinnbus Label gehört. Keiner Diskussion bringt der Ist-Zustand etwas, zumal nicht, wenn sie Großteils vor Fachpublikum geführt wird. Und vor allem nicht, wenn sie Zusätze im Titel beinhalten wie eben “Die Zukunft des Live-Geschäfts ist offen für Ideen.”. Von Zukunft war nämlich an diesem Tag nie die Rede, von Ideen sowieso nicht. Maximal vom Schimpfen auf die bösen Majors. Aber das ist Schnee von vorgestern. Gähn!

* (pop up leipzig

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