Archive for June, 2008

Wie süß

Sunday, June 29th, 2008 at 16:13

| aktueller song: japanese sunday – tigers on ships |

Khale – Sleepworks
Vö: 23. Mai 2008
Label: Own / Ali!ve
Länge: 35:52 min
Hit: Little Black Bed
Punkte: 7/10

Khale - Sleepworks

“Och, schau mal! Gudschi, gudschi! Ist er nicht süß, der Kleine? Die strahlenden Augen hat er bestimmt von Mama. Der wird später bestimmt einmal ein ganz ganz Hübscher! Gudschi!!!” Als wir so etwas hören mussten, waren wir circa vier Monate alt, lagen wehrlos im Kinderwagen, sahen wirklich noch süß aus und wurden oft liebevoll in die Wange gekniept. Heute kniept maximal der Hinterm vom Bürostuhl, und die Augen sehen auch nicht mehr aus wie von Mutti, sondern eher wie millimetergroße Sehschlitze. Hübsch ist also tatsächlich etwas anderes! Aber wie das so ist, muss man ja immer eigene Defizite kompensieren. Genau deswegen haben wir nicht nur Poster von Frauen mit sexy Augen an der Wand hängen, sondern stehen mittlerweile selbst auf diese ganzen süßen Sachen.

Khale haben also schon jetzt einen dicken Pluspunkt. Nicht weil sie eine schicke Mädchenband sind – das sind Khale nämlich nicht -, sondern weil “Sleepwork” ganz einfach ein so rundum süßes Album ist. Wirklich liebenswert. Vielleicht nicht ganz so klebrig-zuckrig wie rosa Zuckerwatte, aber durchaus so niedlich wie unsere orangenen Schühchen damals in Größe 13. Oder das Orange von Plattentests.de heute, denn das ist genauso wenig kitschig wie dieses Album. Hinzu kommt, dass das Baby in der Tat noch recht jung ist. Erst 2006 hat Kael Smith es zur Welt gebracht, ein reines Singer/Songwriter-Kind sollte es werden. Die ersten zarten stimmlichen Singversuche in “Garrison”, aber auch in allen anderen Liedern, klingen entsprechend reduziert-einfach, inhaltlich oft nur zwischen den Zeilen lesbar, aber von der Melodie her fast schon popig-naiv.

Doch wirklich Laufen gelernt hat der kleine Racker erst später: Produktionstechniker und Multiinstrumentalist Jame White auf der einen Seite, Matt Heron am Klavier auf der anderen Seite nahmen den Sprössling behutsam an die Hand und ließen die ersten Schritte nach und nach flüssiger werden. Zusammen nannten sie den Süßen von nun an Khale. Aus dem Singer/Songwriter-Kind wuchs immer mehr ein verspielter, ambienter, leicht elektronisch beeinflusster Sprössling hervor, dessen Bruder Efterklang in Indie sein könnte. Kompakt, behutsam und überaus melodisch erscheinen die zehn Schritte, die einzeln schon gut vorgeführt werden, aber auch zusammenhängend einen kleinen Lauf ergeben. Zaghaftes und innehaltendes Nachdenken, während die anderen Pop-Kinder schön längst spielend vorbeirennen. Doch die werden stolpern. Und dann stehen Khale da und machen “Gudschi, gudschi”!

Tracklist:
01) garrison
02) the living desert
03) little black bed
04) meanwhile, as i await guests
05) caldas
06) wild to see you
07) assemble the meal
08) my little sister’s curiosity
09) sleepworks
10) working …

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Plauderstunde

Friday, June 27th, 2008 at 00:04

| aktueller song: joan as police woman – holiday |

Interview mit Marcel Detels / Time Has Come
(Juni 2008)

Time Has Come

Interviews führen ist in der Regel ja langweilig. Da sitzt man in einem Café, trinkt halt Kaffee und fragt die Band etwas Pseudospannendes zum neuen Album, das ist schließlich auch meist der Anlass des Gesprächs. Noch schlimmer: Interviews im Hotel. Dort lümmelt man in der Regel zwar etwas bequemer, dafür hat man dazu aber auch eine Atmosphäre, die steriler als ein Operationssaal ist. Zum Glück läuft in Hamburg alles anders ab. Begrüßendes Handschütteln und die Frage nach einem gekühlten Bier sind bei Time Has Come nämlich ein und derselbe Vorgang. So wird gleich eine gute Arbeitsgrundlage geschaffen. Danach nimmt alles seinen Lauf, selbst die Band darf Fragen stellen.

Cheers!

Schau aber erstmal hier! Das ist aktuell so auf meinem iPod drauf. Ich stehe ja gerade total auf Oceansize und solche Sachen. Überhaupt ist auch da nur eine einzige Prügelplatte drauf: Burning Skies. Aber das sind echt klasse Typen, die will man einfach nur knuddeln und liebhaben.

Und ganz schön viel von Jakob …

Ja! Vor allem habe ich aber auch einmal Bock etwas in diese Richtung zu machen. Gut, ich muss zugeben, ich habe gesanglich absolut null Talent, da bilde ich mir auch gar nichts Gegenteiliges ein. Aber in der Richtung würde ich gerne mehr ausprobieren.

Reden wir gerade von richtigem Gesang? Also so ganz Richtigem? Schwer vorstellbar.

Ja, natürlich! Ich mein, man wird nicht jünger und ich habe auch keine Lust mehr mit 35 immer noch den Krächzhahn zu spielen. Andererseits hänge ich mit 35 aber die Musik auch nicht einfach so an den Nagel, die wird mich also auch weiterhin begleiten. Da bin ich wirklich auf mich selbst gespannt, in welche Richtung ich mich entwickeln werde. Vielleicht bekomme ich ja doch zwei oder drei richtige Gesangstöne raus.

Hast du dafür schon Gesangsstunden gebucht?

Nein, ich habe auch noch nie welche gehabt. Aber sowas habe ich mir schon immer einmal vorgenommen. Es geht ja nicht nur um den reinen Gesang, vor allem lernt man dort auch Sachen wie Atemtechniken oder ähnliches. Vierzig Minuten durchweg schreien, kann auf Dauer nicht von Vorteil sein. Auf jeden Fall werde ich sowas machen, zumal ich nie ein Feind von Gesängen war, abgesehen von dem ganzen eingeschobenen Gesäusel im Power Metal oder auch im Metalcore. Da frage ich mich jedesmal: Was soll der Quatsch überhaupt? Zu 95% klingt das einfach schlecht. Schrecklich.
Wie ist das eigentlich beim Schreiben? Gibt es da auch ein System, was man sich anlernt oder macht man das nach Sympathie? … Also nur, wenn ich auch einmal eine kleine Zwischenfrage stellen darf.

Klar, nur zu! Sympathie spielt aber eigentlich gar keine Rolle. Man schreibt, was man denkt und eigentlich sollte man sich auch keine Bands oder Platten raussuchen, von denen man Fan ist, da geht nur der glaubwürdige Blick verloren.

Was mich als Teil einer Band nämlich interessiert: Wie oft hört man dann eine Platte, bevor man sich für eine Wertung festlegt?

Ich kann da nur für mich selbst sprechen, da hat schließlich jeder eine andere Herangehensweise. Qualität ist auch beim Schreiben über Musik wichtig, also bekommt jede Platte mindestens sieben oder acht Durchläufe. Oft aber mehr.

Das Ding ist, dass genau das mich teilweise echt frustriert: Von Bands werden immer gute Alben erwartet, aber dann schreiben Leute Reviews, in denen sogar wörtlich geschrieben steht, dass sie das Album nur halb oder maximal einmal gehört haben. Da kann ich es doch gar nicht ernst nehmen, wenn Leute schreiben, wir würden unstrukturiertes Gelärme machen, was irgendeinem amerikanischen Trend um Converge oder The Dillinger Escape Plan hinterher hechelt. Aber es gab zum Glück auch positives Feedback. Es war also fast so, wie wir es erwartet hatten.

Ihr wolltet bewusst polarisieren?

Es klingt vielleicht doof, aber ganz ganz früher, fand ich es cool, wenn sich an so jemand wie Marylin Manson die Geister gespalten haben. Nicht, dass wir es drauf anlegen würden, aber es ist gut, wenn sich die Leute an etwas stoßen und aufreiben können.

Ist es dann auch anstößig, wenn man mehr oder weniger alles an Musik hört? Du machst keinen Hehl daraus, dass du viel Hip-Hop hörst. Man könnte dich dann für einen Konsenstypen halten.

Sicherlich klingt es komisch, wenn du jemand auf einer Party triffst, der dann sagt: Ich höre alles! Aber ich höre ja nicht Musik, nur weil es mir in meiner Wohnung zu leise ist, sondern weil mich jeder einzelne Song irgendwie kickt. Ob ich nun Lust habe zu feiern, zu heulen, abzuschalten, zu kotzen oder verknallt bin, was auch immer: All das hat man doch in sich drinnen, dafür braucht man diesen breiten Soundtrack einfach.

Und was sagt Mutter zum Musikgeschmack des Sohnes?

Mutti freut sich zwar, dass es der Sohn mit so einer Kellerband doch zu etwas gebracht hat, aber meine Eltern finden die Musik schrecklich. Das sagen sie zwar nicht so in der Form, aber meine Mutter macht sich schon Sorgen, dass ich auf der Bühne halb sterben könnte. Aber sie sind trotzdem stolz, dass sich die Arbeit nun doch auszahlt. Sie könnte theoretisch in den Media Markt nebenan gehen und sich das Album kaufen, das zeigt ihr: Der Sohn hat doch etwas auf die Reihe gebracht.

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Subkultur: Fluch und Segen

Thursday, June 26th, 2008 at 01:35

| aktueller song: trip fontaine – cachacha |

Interview mit Paul und Nico / Julith Krishun
(Juni 2008)

Julith Krishun

Es rumorte in der Szene. Oft stolperte man über den Namen der Band Julith Krishun, doch wirklich zu Gesicht bekam man sie nur schwer. Hören konnte man auch nur etwas, wenn man sich durch den schieren Dschungel aus Kleinstveröffentlichungen gekämpft hatte, an die man aber nur mit erheblichem Aufwand kam. Das alles hat nun ein Ende: Die Chaos-Hardcorer Julith Krishun veröffentlichen mit ihrem selbstbetitelten Album eine ganz regulär CD. Die kann man wie gewöhnlich kaufen, nerdy ist das Ganze aber trotzdem. Ein Gespräch über D.I.Y., schlechtes Gewissen und Subkultur, die nicht länger als solche wahrgenommen werden sollte.

Kaum zu glauben: Julith Krishun veröffentlichen ein komplettes Album. Und das auch noch auf einer neumodischen CD. Fühlt ihr euch jetzt schlecht?

Paul: Schlecht, warum schlecht? Die meisten Leute hören nun einmal CDs, also war es an der Zeit. Wenn jemand Interesse hat das Ganze noch als 12″ zu veröffentlichen, wir würden es begrüßen. Die 10″ Split mit Trip Fontaine, auf der schon drei Songs von dem Album zu hören waren, sind beinahe komplett ausverkauft.

Ihr habt schon hundert Demos, Splits, Kassetten, 7”, 10”, 12”, usw. veröffentlicht. Wollt ihr nun weg von diesem Szeneding und mit einer CD eine breitere Öffentlichkeit ansprechen?

Paul: Sebastian von Sharkmen kam letztes Jahr zu uns und hat gefragt, ob er nicht unsere Songs auf CD veröffentlichen kann. Zuvor hatte er gelesen, wie sich einige Leute immer wieder beschwert haben, dass wir nur Vinyl hätten. Und da sowieso erst die Hälfte der 2006er Aufnahmesession auf Vinyl veröffentlicht war, dachten wir uns: Geil, bringen wir alles zusammen auf CD raus. So freuen sich auch die, die keinen Plattenspieler haben. Zudem ist das ganze Ding auch auf Mini-Disc erschienen und bald auch auf Tape erhältlich. Aber um ganz ehrlich zu sein, die meisten von uns haben gar keinen Plattenspieler.

Klingt alles sehr nerdy. Macht ihr Musik des Selbstzwecks wegen?

Paul: Ich denke vorwiegend machen wir aus Spaß an der Freude Musik. Wir kennen uns alle schon sehr lange und machen seit den Schulzeiten zusammen Musik. Angefangen hat alles mit einer schrottigen Punkband. Wir spielen das, was uns einfällt und worauf wir Bock haben, auch wenn das meistens weniger tanzbar ist. Mit der Zeit gewöhnt man sich aber daran, dass die Leute überfordert rumstehen.

Nico: Bei mir gab es am Anfang auch noch eine politische Motivation, die in den Texten noch leicht durchscheint. Allerdings musste ich im Laufe der Zeit feststellen, dass das einen Großteil der Leute nicht interessiert. Das andere Extrem sind dann Konzerte, bei denen eigentlich jeder in den politischen Diskursen der Szene und der sogenannten Linken steckt, doch da ist es hinfällig alles doppelt und dreifach zu wiederholen.

In diesem Umfeld der Szene und eures Labels stolpert man oft über den ominösen Begriff: D.I.Y, Do it yourself! Ist das für euch eine Art Lebenseinstellung oder macht man sich nicht selbst etwas vor und limitiert sich damit?

Paul: D.I.Y ist schon mehr oder weniger eine wichtige Sache, auch wenn wir sie nicht bewusst ausleben. Wir drucken unsere T-Shirts selbst, gestalten die Plattencover und buchen unsere Konzerte. Alles aber nicht unbedingt zwingend. Wenn wir ein Design haben, was wir nicht selbst drucken können oder keine Zeit dazu haben, dann übernehmen das durchaus auch andere. Das Gute am Selbermachen ist, das es meist schöner aussieht, man individuell arbeiten kann und zudem Geld spart. Vielleicht steckt im Endeffekt auch mehr Liebe drin. So wird es zum Fluff-Fest zum Beispiel eine schöne, auf 40 Stück limitierte, bunte, siebbedruckte Sammlerbox geben, die die CD, eine 7″ und ein paar Kleinigkeiten enthält.

Nico: D.I.Y. finde ich auch extrem wichtig. Gerade in Zeiten, in denen große Teile der Hardcore-Szene in kommerziellere Mainstream-Bereiche abdriften. Deswegen fühle ich mich auch auf großen Konzerten immer recht unwohl, weil der Anteil an Bollos und Mackergehabe oft überwiegt. Merkwürdiger Weise ist das, bei D.I.Y. Konzerten viel weniger der Fall. Dort gibt es dadurch schon eine Art Ausgrenzung, weil einfach nicht jeder Bescheid gesagt bekommt. Das mit der Separierung ist zwar immer so eine Sache, aber ich für meinen Teil finde Konzerte einfach angenehmer, auf denen keine Bollos rumrennen, weil ich dann weniger das Gefühl habe, dass es nur um Unterhaltung, Konsumieren und Selbstdarstellung geht. Man könnte sagen, der Wert von Hardcore als Subkultur steht und fällt mit dem Festhalten am D.I.Y.-Gedanken: Je weniger D.I.Y. organisiert wird, desto oberflächlicher wird es. Oder andersrum: Je mehr Mainstream, umso weniger Inhalt hat die Szene. Das ist das Dilemma der Kulturindustrie.

Paul: Da schließe ich mich an!

Gerade euer selbstgestaltetes Cover ist das auffälligste Merkmal, noch bevor man den ersten Ton gehört hat. Ist buntes gelb nicht viel zu niedlich für eure Art von Musik?

Paul: Ich hatte keinen Bock auf ein Plattencover, welches aussieht wie alle anderen. Also hab ich mich hingesetzt und ein bisschen gelb mit schwarz, blau, weiß und rot zusammengemischt. Zum Schluss noch etwas Lila-grünes unter Grau-violettes untergerührt und fertig war das Artwork. Als es aus der Druckerei kam, war allerdings ich ein wenig enttäuscht. Es hätte noch mehr knallen müssen. Neon ist ein ganz großes Ding.

Welche Rolle spielt ganz allgemein Gestaltung und Design im Bereich der härteren Musik heutzutage?

Paul: Eine große Rolle. Ich beobachte eine Abkehr von traditionellen, langweiligen Totenkopfmotiven, hin zu bunterem und ausgeflippterem Zeug. Allgemein gilt: Je stupider eine Band und deren Musik, desto langweiliger sind ihre Designs. Besonders Postrock-Bands geben sich bei der Gestaltung viel Mühe. Ich persönlich hasse bei den meisten Metalbands, dass sie alle tendenziell die gleichen Plattencover und T-Shirts haben: Düster und voller Photoshopeffekte. Etwas mehr Individualität könnte nicht schaden.

Zur Musik: Die klingt bei euch nach “Hummeln im Arsch”, sehr hektisch und unkontrolliert. Seid ihr hyperaktiv?

Paul: Hyperaktiv ist eigentlich nur Nico. Der arbeitet in drei Jobs, steht jeden Tag um 7 Uhr auf und geht nicht vor 3 Uhr ins Bett. Zudem tanzt er auf jeder Hochzeit und wenn er mal nicht feiern war, dann ist er unerträglich hibbelig. Manchmal wünschten wir uns, er würde mal ein paar Schritte kürzer treten.

Nico: Das lasse ich aus Selbstgefälligkeit mal so im Raum stehen. Zum Glück werden nicht meine WG-Mitbewohner gefragt.

Andererseits eilt euch auch ein chaotischer Ruf voraus. Ist das nicht zu engstirnig gedacht? Welche Bedeutung haben dann schleppendere Songs wie “Splintered Myself”?

Paul: Wir hören alle ganz unterschiedliche Musik und die Bandbreite vergrößert sich mit den Jahren immer mehr. Schleppendere Songs wie “Splintered Myself” entstehen einfach, weil wir da genauso Lust darauf haben wie auf die Prügelsongs. Eine Platte oder ein Konzert, bei dem die ganze Zeit durchgeballert wird, kann ganz schnell langweilig werden. Andersherum ebenso. Deswegen sind wir nicht festgefahren, was die Spielweise angeht.

Was für eine Spielwiese war dann euer Album?

Nico: Oh, schwer zu sagen. Eine übergeordnete Idee gibt es nicht. Jeder Text, den ich schreibe, ist sehr persönlich. Da spiegeln sich alle möglichen Sachen wieder, die mich beschäftigen, mitsamt allen Widersprüchen, die ich in mir trage. Ein gewisses politisches Bewusstsein ist mir schon wichtig, nur lässt sich das leider nicht mit einem Satz beschreiben. Letzten Endes versuche ich einfach Texte zu schreiben, die die Leute zum Nachdenken anregen. Mehr kann auch nicht der Anspruch sein, weil ich auch nicht einfach irgendwas vorsetzen will, was dann blind geschluckt wird. Auf jeden Fall ist das eine sehr zwiespältige Sache, bei der ich mich manchmal ganz schön unwohl fühle. Aber eigentlich teile ich ja nur meine Gedanken mit. Besonders ist es ja nur, weil es meine tiefsten Gedanken sind, die nun auf einmal auf dem Präsentierteller liegen. Irgendwie ist das schizophren. Aber die Grundidee der Texte ist auch, einen Blick auf die täglichen Widersprüche zu werfen, die nicht nur mich umgeben. Wenn man sich diesen Blick angewöhnt, wird es automatisch politisch. Aber man kann nur beschreiben, wirkliche Lösungen kann und will ich nicht anbieten. Jeder soll sich seine eigene Meinung bilden.

Musik ist doch aber ein Sprachrohr, dem eine Gewisse Wirkung nicht abzustreiten ist. Welche Gedanken sollten dann in der Musik und den Texten mehr thematisiert werden?

Nico: Die Selbstreflexion der Hardcore-Szene kommt viel zu kurz. Es sollte ein zentraler Punkt jeder Subkultur sein, sich selbst zu hinterfragen, wo die Verflechtungen mit einem kapitalistischen System liegen und was das wiederum für Auswirkungen hat. Das ist das A und O, weil man von diesem Punkt aus zu allen möglichen anderen Themen kommen kann, seien es nun Thor-Steinar-Assis auf Konzerten, chauvinistisches Gehabe oder was auch immer. Eigentlich sind alle Widersprüche, die man in der Gesellschaft findet, auch in der Hardcore-Szene wiederzufinden. Man muss von dem Ansatz der Identifizierung mit irgendwelchen Teilgesellschaften wegkommen. Die Leute gehören zwar der Hardcore-Szene an, sind aber immer noch ein Teil der gesamten Gesellschaft und deren Werte. Die Welt wäre wesentlich angenehmer, wenn wir uns alle einfach nur als Menschen betrachten würden, nicht mehr und nicht weniger. Dann wäre es auch verdammt schwer, irgendwen zu diskriminieren, sei es durch Hierarchien oder durch Vorurteile.

Ein Vorurteil ist auch, dass – abgesehen einiger weniger Bands aus Leipzig, Dresden oder Chemnitz – nichts Überregionales aus eurem Raum kommt. Vermisst ihr ein kreativeres Umfeld?

Paul: In Dresden ist definitiv recht wenig los. Die Szene ist klein und überschaubar, was aber eigentlich ganz gut ist. In manchen anderen Gegenden, sehen die Konzerte tendenziell alle gleich aus. Hier in Dresden ist die Szene dafür bunt gemischt. Vielleicht wäre in der Tat ein größeres kreatives Umfeld für neue Impulse besser, aber zurzeit gibt es noch nichts auszusetzen.

Nico: Es ist immer wieder schade, wenn ich sehe, wie viele Leute hier in der Region Musik machen, sei es elektronische oder gitarrenlastige. Da steckt gewaltiges Potential drin, wenn die Leute einfach ein bisschen mehr gemeinsam machen würden. Hier gibt es Soundsysteme, DJ’s, VJ’s, Künstler, Produzenten und haufenweise Bands, Labels und Veranstalter. Es wäre schon großartig, wenn sich allein ein paar davon zusammentun würden. Das wäre inhaltlich und musikalisch bestimmt spannend. Im Übrigen gilt das nicht nur für Dresden, sondern für jeden Fleck auf der Erde. Es gibt überall genug Potential. Wie CrimethInc. gerne gesagt haben: “The sky is the limit!”

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Box Office Blog

Tuesday, June 24th, 2008 at 01:12

| aktueller song: tiger lou – national ave |

Steve Von Till – A Grave Is A Grim Horse
Vö: 23. Mai 2008
Label: Neurot / Cargo
Länge: 48:00 min
Hit: Clothes Of Sand
Punkte: 5/10

Steve Von Till - A Grave Is A Grim Horse

Fakten

A Grave Is A Grim Horse
Vö: 23. Mai 2008 (CD)
Verleih: Neurot / Cargo
Genre: Mystik-Folk, Singer/Songwriter | USA 2008
Länge: 48 min
Regie: Desmond Shea
Drehbuch: Steve Von Till, Desmond Shea
Musik: Steve Von Till
Artwork: Tim Biedron
Mastering: Alex Oropeza
Darsteller: Steve Von Till, Jeffrey Luck Lucas, Nick Drake, Mickey Newberry, Townes Van Zandt, Lyle Lovett

Inhalt

Ein bärtiger Mann mittleren Alters (Steve Von Till) sitzt allein mit einer Gitarre und seiner schummerigen Stimme tief im Wald, abseits jeglicher Zivilisation. Die Stimmung ist unheimlich, schwer, mystisch. Vor allem aber ist es dunkel, finsterste Nacht. Nicht einmal die Wölfe heulen. Gruselige Eulen beobachten das Geschehen scharfsichtig aus der Ferne. Gebrochen sitzt der Mann auf dem alten Baumstamm. Keiner weiß, was wohl passieren wird, jeden Augenblick könnte die angespannte Situation eine dramatische Wendung nehmen. 11 Blickwinkel beleuchten das knisternde Psychospielchen.

Kritik

Hauptdarsteller: “A grave is a grim horse” lebt einzig von seinem Hauptdarsteller Steve Von Till, der seine Rolle als altmodischer Folk/Country-Sänger herausragend absolviert. Auch wenn man zwischen den Zeilen deutlich merkt, dass gerade Desmond Shea mit seinem Piano- und Streicherspiel erheblichen positiven Einfluss ausübt. Ohne ihn würde Von Till sicher nicht in solch einem einfachen, reduzierten, aber dennoch dichtem Gewand glänzen. Die Nebendarsteller Nick Drake (“Clothes of sand”), Mickey Newberry (“Willow tree”), Townes Van Zandt (“The spider song”) oder auch Lyle Lovett (“Promises”), die hier gecovert werden, spielen praktisch keine Rolle mehr – an die Wand werden sie gespielt. Maximal der Geist dieser Größen schwebt noch über dem Bartträger des Propheten. Eine Oscarnominierung könnte drin sein.

Atmosphäre: Der zweite herausstechende Punkt von “A grave is a grim horse”. Schon die erste Szene, der Opener und Titeltrack, lässt einen in diese dunkle, mystische und vielleicht auch etwas kitschige Atmosphäre eintauchen. Verbittert und verzweifelt, aber dennoch vorsichtig und ganz leise nach vorne blickend wirkt nicht nur Steve Von Till, sondern das ganze Album. Trocken, introvertiert und rau ist die Stimme, aber auch die Stimmung. Es geht um das Eintauchen und Mitfühlen, im besten Fall auch das Mitleiden. Dunkles Kino aus der frühen Phase des Film Noir. Happy End somit ausgeschlossen.

Songs: Einzeln geht es um die nie wirklich. Auch wenn ihre Handlung und Spannung, ebenso wie Von Till selbst, jeden Moment zusammensacken könnten, so ist der Faden dennoch (zu) vorhersehbar. Ganz sachte und vorsichtig steigert sich die düstere Emotionalität des Albums, ohne jedoch Schockeffekte einzubauen. Kein Höhepunkt, kein Absacken der Handlung, kein retardierendes Moment. “A grave is a grim horse” besteht aus elf Szenen auf gleichem Niveau, in ein und derselben Stimmungslage, in gleichwertig behebiger Tonart und stets mit einem ähnlichen brummigen Untertitel. Doch es geht um das übergeordnete Gefühl, nicht um die Stimmung einzelner Elemente oder Songs. Die Summe der Teile wäre dafür allerdings auch zu gering.

Hintergrund

Parallel startet am gleichen Datum weltweit “The wake” unter der Regie von Scott Kelly. Wer das interne Duell der beiden Neurosis-Sänger an den Box Office Kasse für sich entscheidet, lest ihr hier. Später.

Tracklist:
01) a grave is a grim horse
02) clothes of sand
03) the acre
04) willow tree
05) valley of the moon
06) the spider song
07) looking for dry land
08) western son
09) brigit´s cross
10) promises
11) gravity

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Die Blumenkinder

Sunday, June 22nd, 2008 at 23:22

| aktueller song: suffocate for fuck sake – empty |

Sigur Rós – Með Suð Í Eyrum Við Spilum Endalaust
Vö: 20. Juni 2008
Label: XL / EMI
Länge: 55:36 min
Hit: Ára Bátur
Punkte: 7/10

Sigur Rós - Með Suð Í Eyrum Við Spilum Endalaust

Schaut man sich Bilder von Adam und Eva im Paradies an, kann man es erahnen. Das Woodstock-Festival und seine legendäre Atmosphäre lebten davon. Und auch in den 70er- und 80er-Jahren gab es an den Stränden von Kühlungsborn noch massig von ihnen. Seit heute wissen wir es aber auch von Sigur Rós: alles Hippies! Viele hatten es ja auf Grund der immer wiederkehrenden Feen- und Elfenvergleiche bereits vermutet, doch das offizielle Coming-out kam jetzt doch recht plötzlich. Ohne große Ankündigungen war sie dann auf einmal da, die Single “Gobbledigook”. Und mit ihr ganz viel nackte Haut, Liebe unter freiem Himmel und eine Band, die man jetzt in einem ganz anderen Licht sieht.

Natürlich denken jetzt bei dem Wort “Hippie” sofort alle an alte bärtige Männer und unrasierte Frauen, die auf Hölzern trommeln, ausgelassen über Wiesen hüpfen, mit Drogen experimentieren und seltsame Rituale feiern. Aber genau das machen Sigur Rós ja inzwischen auch. Dass die Band sehr naturverbunden ist, ist nichts Neues, das konnte man spätestens in der filmerischen Liebeserklärung “Heima” sehen. Außerdem liegt es Sigur Rós als Isländern völlig zu Recht quasi im Blut. Doch wenn in dem Video zu “Gobbledigook” tatsächlich nackte unrasierte Frauen passend im Takt zu Baumstammgetrommel singend und klatschend durch die Wälder huschen, hat das in der Tat etwas von Flower-Power.

Auch “Inní mér syngur vitleysingur” oder “Við spilum endalaust” könnten ebenso wie der Opener von dem Fotografen Ryan McGinley inspiriert worden sein. Sie sind wie das Artwork sehr menschlich, lebendig, warm, unmittelbar, vor allem aber unbearbeitet und fröhlich. Also eigentlich genau das Gegenteil von dem, was Sigur Rós mit ihrer nicht selten sehr melancholischen und depressiven Musik bisher gemacht haben. Das mag viele bestimmt verwirren, klingt zudem auch gewöhnungsbedürftig, setzt aber den mit “Takk …” eingeschlagenen Weg nur fort.

Doch Pop hin oder her – ähnlich den Hippies geht es auch Sigur Rós längst um mehr. Nämlich um eine Art individualistische Selbstverwirklichung, frei von Zwängen und Tabus. So werden Texte jetzt sogar in Englisch gesungen, und “Með suð í eyrum við spilum endalaust” emanzipiert sich sehr deutlich vom perfekten Soundbild seiner Vorgänger. Sigur Rós klingen nun nicht nur heiterer, sondern eben auch realer und spontaner, was allein schon die Tatsache belegt, dass das Album in seiner Gänze allein dieses Jahr geschrieben und aufgenommen wurde. Doch selbst das tut auf der anderen Seite den beiden Mammutsongs “Festival” und “Ára bátur” keinen Abbruch, die gewohnt weitschweifig mit größtmöglichem Orchesteraufwand wahrlich herausragen. Fast so wie der Lagerfeuersong “Íllgresi”, dessen reduzierte akustische Schönheit im besten Kontrast dazu steht. Und eben auch bestätigt: Sie sind Hippies.

Tracklist:
01) gobbledigook
02) inní mér syngur vitleysingur
03) góðan daginn
04) við spilum endalaust
05) festival
06) med sud í eyrum
07) ára bátur
08) íllgresi
09) fljótavík
10) straumnes
11) all alright

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10.000 BC

Sunday, June 15th, 2008 at 18:05

| aktueller song: 10 years – focus |

Torche – Meanderthal
Vö: 16. Mai 2008
Label: Hydra Head / Indigo
Länge: 36:11 min
Hit: Fat Waves
Punkte: 6/10

Torche - Meanderthal

Und wieder ist ein Arbeitsplatz frei. Der Lektor und Grafiker von Torches zweitem Album “Meanderthal”, Aaron Turner von Isis, hat sich erstmalig einen kreativen Schnitzer geleistet. Nicht, dass das Artwork einfallslos wäre, das ist vielmehr sogar gut gezeichnet und trifft den Kern der Musik. Aber ein kleiner Verzeichner ist nun daran Schuld, dass das Album unter falschem Namen im Laden stehen wird: Statt eines “M”, hätte es ein “N” sein müssen. “Neanderthal” statt “Meanderthal”. So nämlich hätte das Album besser mal heißen sollen, denn dann hätte es auch wie die obligatorische Faust aufs Auge gepasst.

Denn wenn jemand Musik macht, die nach Urzeit, haarigen Typen und Keilmessern klingt, dann wohl der Miami-Vierer Torche. Das geht schon beim Opener “Triumph of venus” los, der wie wild mit einer Axt aufs Mammut eindrischt – rhythmisch, krachig und blutdurstig. Doch trotz der überaus vielen Melodien, trügt der Schein von Torches Stoner-Pop. Gerade der erste Teil des Albums, mit Songs wie dem peitschenden “Pirana”, ist voller Fallen und spitzer Speerhiebe. So ein bisschen fühlt sich der Hörer deshalb selbst als ein Beutetier, das von aggressiven Steinzeitjägern in die Ecke getrieben wird, um dann die nächste 2-Minuten-Steinigung am eigenen Leib verspüren zu dürfen.

Doch auch wenn man es nicht glauben mag: Der Neandertaler war kultivierter als man für gewöhnlich annimmt. Wo hier keine Tiere wahllos abgeschlachtet wurden, da klopfen auch Torche keineswegs unbedacht auf ihre Instrumente ein. Alles unterliegt dem Einklang der Natur und Ausgewogenheit. So bildet auch die zweite Hälfte von “Meanderthal” einen emotionalen Gegenpol – das familiäre Abendessen an der Feuerstelle in der heimischen Höhle sozusagen. Und genau das hat man sich auch verdient, war es doch tagsüber hastig und gefahrenreich genug. “Without a sound” klingt dann schon fast entspannt nach Baroness, Rwake oder High On Fire, bevor “Amnesian” und der Titelsong doom-metallisch die Abendsonne untergehen lassen, in der Hoffnung, dass man am nächsten Morgen nicht von einem anderen Urzeitvieh zerfleischt wird. Nur Aaron Turner wird seit diesem Abend vermisst.

Tracklist:
01) triumph of venus
02) grenades
03) pirana
04) sandstorm
05) speed of the nail
06) healer
07) across the shields
08) sundown
09) little champion
10) without a sound
11) fat waves
12) amnesian
13) meanderthal

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Unknown 13

Saturday, June 14th, 2008 at 16:33

| aktueller song: sigur rós – gobbledigook |

Interview zu Unknown 13
(Juni 2008)

Unknown 13: 13. Fall: C aus HH. Und das am Freitag, den 13. Juni. Ach du dicke Wurst!

Unknown 13

01) Yeah, Yeah!

Yeah, gär, Lila-Laune-Bär. Jegliche Form von emotionaler Flucht nach oben oder unten ist Selbstbeschiss.

02) Irgendwas huscht immer.

Alles was huscht, kann auch kuschen.

03) Oh, diese Masche hat eine Strumpfhose!

“Ey, Typ!” Geile Masche! Geile Strumpfhose! Problem: Doofer Typ!

04) Heute: Winterjacken im Angebot!

Können mir gestohlen bleiben: Jacken sind zum Ausziehen da!

05) Können sie sich ausweisen?

www.christoph-schwarze.com

06) Einmal dicke Luft für alle!

“Fleischböller für alle”, heißt das! Dicke Luft (be)kommt man von allein.

07) The story of the night-shopping individuals with strength in their legs and the will to keep on walking till someone says that it’s over or the the morning is the goal.

Der nächste Morgen sollte immer das Ziel sein. Beim Trinken, an normalen Tagen und überhaupt so beim Rumleben.

08) Verstand dem Widerstand!

Leider viel zu selten. Erst denken, dann ficken.

09) Ping/Pong, Ding/Dong

Kling/Klong. Ja ja, Glocken läuten. Schweinerei! Nächste Frage!

10) Wenn Robben scrobbeln …

Hätten sie einen besseren Geschmack als Pinguine.

11) Ich packe unter meine Decke …

Nur mich. Da bin ich Egoist.

12) Beat Meateaters …

Fleischfresser sind auch nur Menschen, also habt alle ein Herz dafür.

13) Winke, Winke!

Winki, wenn du das hier liest: Komm zurück, du wirst schmerzlich vermisst. Bleeding hearts und so.

© christian ludwig / corvonism

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Kunst vs. Kommerz

Wednesday, June 11th, 2008 at 22:25

| aktueller song: chainsaw disaster – death sentence |

Artikel zu Grandpeople
(Mai 2008)

Grandpeople

Für die Engstirnigen noch einmal zum Mitschreiben: Kunst und Kommerz müssen sich nicht gegenseitig ausschließen! Ich wiederhole: Nicht ausschließen! Warum das viele nicht verstehen wollen, weiß keiner so genau, wahrscheinlich nicht einmal jene selbst. Aber für einige hätte es in der Tat einen bitteren Beigeschmack, wenn in der Referenzliste zwischen einem skandinavischen Indielabel für elektronische Musik und dem kapitalismuskritischen Buchprojekt “Fight Club” plötzlich Firmennamen wie Nike, MTV oder Puma auftauchen. Die sind schließlich das Böse in Person, Kinderausbeuter und billige Spaßgesellschaft in einem, Global Player, denen innovative Kunst und ausgefallenes Design oft am Hintern vorbeizugehen scheint. Laut Klischee zumindest.

Doch das ist Quatsch, totaler sogar! Und keiner weiß das besser, als das norwegische Designstudio Grandpeople, dessen Referenzliste eben genau jene Kunden enthält – ohne, dass es nach Selbstverkauf aussieht! Denn der Grundsatz von Christian Bergheim, Magnus Voll Mathiassen und Magnus Helgesen lautet: Individualität, Markanz, Vielfalt und nochmals Vielfalt! Also nicht nur Varianz zwischen den verschiedensten Projekten und weltweiten Kunden aus Kunst, Kultur, Werbung, Musik und Mode, sondern auch bei der gestalterischen Umsetzung. Ob nun Grafikdesign, Illustration, von Hand Gebasteltes, künstlerische Leitung oder Ausstellungsdesign: Grandpeople scheuen keine neue Herausforderung.

Ganz besonders bemerkenswert dabei ist jedoch, wie konsequent der markante Stil der Grandpeople-Gestalter beibehalten wird. Und dass gerade die großen, globalen Firmen den Grafikern den eigentlich verständlichen, real aber fast nie existierenden, künstlerischen Freiraum gewähren, spricht für vieles: Den weltweit angesehenen Ruf des Kollektivs zum Beispiel. Oder eben auch den Anspruch, dass kreative Werbung ebenso eine Kunstform sein kann, in der man sich selbst verwirklicht, ohne stupide die Vorgaben des Corporate Design umzusetzen. Kunst und Kommerz schließen sich nämlich nicht aus. Siehe der spielende Spagat der Grandpeople.

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Hart aber herzlich

Sunday, June 8th, 2008 at 20:02

| aktueller song: gavin rossdale – cant stop the world |

Aimee Mann – @#%&*! Smilers
Vö: 13. Juni 2008
Label: SuperEgo / Rough Trade
Länge: 45:47 min
Hit: Looking For Nothing
Punkte: 6/10

Aimee Mann - @#%&*! Smilers

Auf den ersten Blick könnte es eine Kartoffel sein. Eine Kartoffel, die zu lange an einer sauren Zitronen geleckt hat. Schaut man jedoch genauer auf das rote, verkniffene Vieh auf dem Cover, erkennt man ihn – Danny DeVito! Doch auf Aimee Manns mittlerweile siebtem Album “@#%&*! Smilers” geht es nicht explizit um das moppelige Schrumpelgemüse Hollywoods, sondern mehr oder weniger die ganze Parallelwelt dahinter. Die Rede ist von all den Narzissten, Exzentrikern, Entertainern und Besserwissern der globalen Popkultur, deren paranoides Leben und ihr Selbstbeschiss, verpackt in halbakustischen Singer/Songwriter-Stücken, hinterfragt wird. Die dreizehn Stücke begeben sich dazu auf die Suche nach etwas Aufschlussreicherem hinter dem plastischen Gegrinse der Spaßgesellschaft. Das ist ironisch, wenn auch oftmals schwer erkennbar. Überhaupt wirkt “@#%&*! Smilers”, trotz der zu früheren Zeiten leichteren Melodien, keineswegs locker. Zu verkopft klingt das Album und das nicht nur textlich, sondern teils auch zu voll vom Sound her: Elektronische Gitarren, Saitenparts, Hörner oder auch Keyboardparts getrimmt auf dreineinhalb Minuten, die eigentlich wesentlicher klingen sollten. Dazu auch kaum ein Grinsen. Aber gegen Geld lachen ist ja auch der Job vom Kartoffel-Danny.

Tracklist:
01) freeway
02) stranger into starman
03) looking for nothing
04) phoenix
05) borrowing time
06) it’s over
07) 31 today
08) great beyond
09) medicine wheel
10) columbus avenue
11) little tornado
12) true believer
13) ballantines

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And the beat goes on …

Saturday, June 7th, 2008 at 22:00

| aktueller song: klimt 1918 – atget |

The Jessica Fletchers – You Spider
Vö: 09. Mai 2008
Label: Schoenwetter / Broken Silence
Länge: 42:10 min
Hit: I Am The Spider
Punkte: 3/10

The Jessica Fletchers - You Spider

Die 60er sind Kult, ganz klar. Und gegen Kult darf man bekanntlich nichts sagen. The Beatles, Pink Floyd, die 68er-Bewegung oder auch das Woodstock Festival – alles Sachen, die heilig sind. Wohlgemerkt nicht selten jedoch zu Unrecht. The Jessica Fletchers huldigen nun auf ihrem neustem Album abermals eben dieses Jahrzehnt und sind dabei streckenweise fast so spannend wie die 217. Folge von “Mord ist ihr Hobby”. Eine Enttäuschende war das, fast so vorhersehbar und gradlinig wie die Songs der Band. Oder auch das Cover. Unterm Strich bringt es dann trotzdem wenig, wenn neuerlich vermehrt Gitarren und eingängige Beat-Melodien eingebaut werden – frisch klingt einfach anders! Und daran können auch viele “Oh”, “Ah”, “La la” und sonstige leicht mitsingbaren Töne nicht viel ändern. Genauso wenig wie die angesagte, aber trotzdem viel zu penetrant hohe Stimme übrigens. Vielmehr gibt die einem oft den Rest, besonders dann, wenn sie kaum vom verqueren Keyboard zu unterscheiden ist. Immerhin wird die Single “I Am The Spider” ihrem Status etwas gerechter, wohl auch weil sie am wenigsten dem 60er-Klischee verfällt. Heilig ist aber alles nicht.

Tracklist:
01) i’m just a man
02) let’s get together
03) i am the spider
04) the traveller
05) fractions
06) the girl i’ve been waiting for
07) you spider
08) downtown
09) city lights
10) stop now!
11) is that you?
12) don’t try me

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