| aktueller song: bodi bill – henry |
Interview zum Lieblingsempire
(März 2008)

Lieblingsempire – man mag von bilingualen Neologismen halten was man will, in diesem Fall passt er jedoch nur all zu gut. Genau danach haben Christoph Schwarze und Benjamin Bartosch nämlich gesucht: etwas das neu oder zumindest noch nicht in aller Munde ist, es aber bald sein könnte. Nun betreibt man mit jugendlichem, nicht aber naiv verblendetem Idealismus eine Plattform für Kunstprojekte aller Art, auf der sich Kulturjunkies aus allen Ecken zusammenfinden um gemeinsam zu Potte zu kommen. Weil bisher keiner schlau genug war, um kreative Ergüsse aus aller Welt Interessentengerecht zu komprimieren, erklären die beiden im popcultures-Interview Entstehungsprozess und Zukunftspläne.
Ich muss zugeben, dass mir zunächst etwas die Transparenz fehlte, was Euer Projekt anbelangt. Mir schien es so, als wolltet Ihr etwas starten ohne selbst eine genaue Richtung vorgegeben zu haben. Oder war das Teil Eurer Idee? Erst mit einem wild zusammengewürfelten, sich untereinander fremden Team ein gemeinsames Ziel erarbeiten und Lieblingsempire lediglich als Namen für Gruppendynamik walten zu lassen?
Christoph Schwarze: Gleich die schwerste und komplexeste Frage zum Einstieg, nicht schlecht. Aber um ehrlich zu sein – wir wollen uns mit dem Lieblingsempire auch gar keine Richtung vorgeben. Und wir wollten in der Tat auch einfach erst einmal etwas starten, irgendwas. Uns ging vieles auf den Sack: Schlechte Designs, diese ganzen sinnlosen Posergeschichten auf Youtube, das dreiviertelste Web 2.0. – diese Grundidee kann man auch produktiver nutzen. Ziel ist es also mit Gleichgesinnten etwas auf die Beine zu stellen, was über die Grenzen reiner Präsentationsplattformen a la Youtube oder Deviantart hinausgeht. Ob wir das Team der einzelnen Projekte “real” kennen oder nicht, ist egal – die Basis muss stimmen.
Benjamin Bartosch: Am Anfang war da sicher viel Sturm und Drang dabei, geleitet wurden wir aber vor allem von dem Interesse, was man erreichen kann, wenn man Dinge mal wirklich angeht und die schönen Gedanken nicht nur im Kopf verstauben lässt. Oft liegt es nämlich nur daran, dass man sich alleine nicht durchringen kann und man jemanden braucht, der mitzieht. Wir haben zwar zu zweit losgelegt, uns war aber klar, dass wir für die vielen Richtungen, die wir gerne einschlagen wollten, zahlenmäßig zu spärlich besetzt sind. Und nicht nur das, gerade der Austausch mit anderen gibt einem selbst neue Impulse, davon sollten alle profitieren. Ich würde uns jetzt einfach mal als Kommunikationsnerds bezeichnen, die auf der Suche sind nach motivierten Leuten, die genauso irren Spaß an spannenden Projekten haben wie wir – und im Idealfall natürlich noch was auf dem Kasten.
Was schwebte Euch vor, als Ihr dieses Projekt ins Leben gerufen habt? Stand direkt fest, dass Ihr Euch spontan inspirieren lassen würdet, um erst Interesse für ein bestimmtes Thema zu entwickeln? Oder ging es zunächst darum, eine “Marke” zu etablieren?
Benjamin Bartosch: Es ging nie darum solch eine Marke zu etablieren, die überall draufklebt, sondern vielmehr darum unseren Ideen ein Dach zu verleihen und einen Namen zu finden, mit dem man das alles identifizieren kann.
Christoph Schwarze: Zunächst ging es darum, spontan bestimmte Themen zu bearbeiten. Wir wollten uns kreativer an schon bestehende Dinge herantasten, als das bis jetzt oftmals der Fall war. Wir wollen uns auch thematisch nicht beschränken, dafür inspiriert uns alle doch täglich viel zu viel: Ein scheinbar belangloser Einkauf im Supermarkt genauso wie weltweite Rezession. Langfristig geht es schon darum, eine Art Marke zu etablieren – einen Spielplatz, der für alle offen ist. Irgendjemand schmeißt zum Beispiel die Idee in den Raum: “Lass uns eine Ausstellung machen”. Und wenn ein paar Leute Lust haben, setzen wir eben eine um. Vielleicht will aber auch nur irgendeine Band einen Flyer von uns gestaltet haben, auch darauf hat ein Grafiker bestimmt Lust.
Hat sich die Idee, nicht mit Kollegen, sondern völlig fremden Menschen zu arbeiten bei Euch von Beginn als eine der Hauptmotivationen festgesetzt? Der Gedanke, dass man sich nicht zwingend kennen muss, um gleiche kulturelle wie auch künstlerische Ideen zu verfolgen?
Christoph Schwarze: Vereinfachen wir das einmal ganz stark: Der Großteil des Webs besteht daraus, unter Bildern zu posten, dass die Frisur geil ist. Das bringt mir einen Scheiß, das ist verschwendete Zeit. Wir wollen neue Leute kennenlernen, mit ihnen arbeiten, uns selbst von ihnen inspirieren lassen. Diese Vielfältigkeit ist eine feine Sache. Die Frisur ist mir dabei total egal. Man baut sich somit ein Netzwerk auf, aus Leuten die etwa gleich ticken und die auch etwas machen wollen, die mit ihrer Kunst raus in die weite Welt wollen. Wir wollen das etwas bündeln. Und irgendwann mit allen eine riesige Party feiern.
Benjamin Bartosch: Auf der Party sollte die Frisur dann aber schon sitzen, sonst hagelt es wieder böse Kommentare. Aber mal im Ernst, mit scheinbar fremden Menschen zu arbeiten hat viele Vorteile, die bringen ihre eigene Welt einfach mit, wissen gar nicht wie man darauf reagiert, weil man sich eben noch nicht kennt. Das ist doch die schönste Art das ausgeleierte Konzept „Brainstorming“ zu praktizieren. Natürlich hat man gerne alte Freunde an Bord, aber die dürfen ja auch mitmachen.
Hat Euch der ganze Prozess, was die Mobilisierung von möglichen Interessenten angeht, nicht zwischendurch an den Rand der Verzweiflung getrieben? Ich stelle mir das zumindest als eine sehr aufwendige Sache vor.
Christoph Schwarze: Das auf jeden Fall. Das Aufwendigste ist die Kommunikation und genau dort scheitert auch das Meiste. Aber Kommunikation ist das A und O und die Welt ist groß, es gibt überall fähige Leute – man muss sie nur finden. Zudem ist es auch egal, ob ich eine E-Mail von Hamburg nach Bremen schicke oder von Berlin nach Buenos Aires, die Welt ist so klein wie nie zuvor. Regionalität ist im Internet nicht von Nöten.
Benjamin Bartosch: Leider erlebt man es immer wieder, dass einen Mails erreichen, deren Form die diverser Schmierzettel nur knapp übersteigt, daran verzweifelt man vielmehr. Ich war daher sehr erfreut, wie gut beispielsweise die Kommunikation im Verlauf der Kalenderplanung verlief, da hatten wir keine Probleme, trotz verschiedener Sprachen. Es gibt halt doch viele Leute, die wissen das Punkte und Kommata nicht nur für Smilys gut sind. Wenn das klappt, dann ist auch die Mailflut zu bewältigen. Die Motivation und Spontanität, mit der uns die Leute begegnet sind, hat uns natürlich ordentlich gefreut und in unserer Idee bestärkt. Wir wollen ja keine Massen rekrutieren, sondern eine handvoll Leute, das geht, zumal auch auf uns zugegangen wird.
Ihr habt nun einen Kalender für 2008 angefertigt, in dem für jeden Monat ein individuelles Bild von verschiedenen Künstlern angefertigt wurde. Hattet Ihr nicht die Befürchtung, dass, bei 12 verschiedenen Personen aus allen Teilen der Welt, so etwas wie eine Linie fehlt? Gibt es so etwas wie Vorgaben, an die sich jeder einzelne halten muss?
Benjamin Bartosch: Der erste Kalender 2007 entstand sehr spontan, hätte aber von Thematik und grafischer Umsetzung konzeptioneller nicht sein können. Natürlich hatten wir bei dessen Erstellung vor allem eine Menge Spaß, was man einzelnen Bildern ganz besonders ansieht. Die Zielvorstellungen waren damals also ganz andere. Der aktuelle Kalender war geplanter, scheint aber auf einige nicht so geradlinig und geschlossen zu wirken – das freut mich! Ich finde es schrecklich, zwölf Kreative per Biegen und Brechen auf ein Thema festzumünzen. Als Freunde der Abwechslung lag die Idee der Individualität einzelner Arbeiten in einem dennoch geschlossenem Werk für uns also auf der Hand. Jeder Monat eines Jahres hat auch viel eigenes, das ist doch schön. Genau dafür steht das Lieblingsempire.
Christoph Schwarze: In der Tat ist die Linie auf den ersten Blick schwer zu erkennen, aber genau das ist wiederum ein Anreiz sich genauer damit zu befassen. Wer darauf keinen Bock hat, soll es lassen. Auf Flüchtigkeit zielen wir nicht ab. Und wer genau hinschaut, wird sehen, dass es eine Linie gibt. Kalender über Katzenbabys gibt es genug, wir wollten einen, der vielfältig ist wie jeder einzelner dieser 365 Tage. Dass es trotzdem Vorgaben gibt, lässt sich nicht vermeiden. Das geht schon bei Größen und Auflösungen der Bilder los. Ansonsten soll jeder er selbst sein. Aber auch das beste Lieblingsempire funktioniert nicht ohne eine Art von gewissen Grundgesetzen.
Wie sahen Eure bisherigen Projekte bei Lieblingsempire aus? Was habt Ihr in Zukunft vor – seht Ihr Möglichkeiten, das Ganze auszubauen?
Christoph Schwarze: Unsere letzten Projekte waren allesamt sehr verstreut. Wir haben den Kalender dieses Jahr zum zweiten Mal gemacht. Auch haben wir uns mit der Gestaltung von Merchandise beschäftigt. Ein großes Fotoprojekt ist derzeit noch am Laufen. Im Grunde ging es noch gar nicht richtig los. Die Zukunft sieht so aus, dass wir uns erstmal eine Webseite basteln, um alle Aktivitäten besser zu bündeln, organisieren und auch präsentieren zu können. Den jährlichen Kalender wird es natürlich weiterhin geben. Aber wir wollen uns auch breiter aufstellen: wir wollen mit Journalisten oder auch Modedesignern zusammenarbeiten. Das Thema einer kollektiven Ausstellung ist natürlich immer aktuell. Aber eins nach dem Anderen.
Benjamin Bartosch: Bisher haben wir überall mal reingeschnuppert, nette Leute kennengelernt. Jetzt geht es aber erst richtig los. Was genau über laufende Projekte hinaus passieren wird, entscheidet eine lockere Dynamik, die Dinge, die uns begegnen und alle die an Bord sein wollen.
© milan werner / popcultures
* lieblingsempire
* popcultures