Fast paradox
| aktueller song: architects – always |
Genghis Tron – Board Up The House
Vö: 22. Februar 2008
Label: Relapse / Rough Trade
Länge: 43:29 min
Hit: Things Don’t Look Good
Punkte: 7/10
Man muss die Sache mal aus einem anderen Blickwinkel sehen, liebe Kollegen! Nicht Genghis Tron haben ein Problem – Ihr habt es! Von Außenseitern ist immer die Rede, von freakigen Nerds, von chaotischer Unordnung, von Extremen, von kranker Musik. Das ist totaler Knet. Nicht jeder, der mehr als drei Akkorde spielen kann, verbreitet gleich totale musikalische Tumulte. Nicht jeder, der einmal ins Mikrophon schreit, macht gleich einen auf nihilistischste Kloppimusik der Welt, das wissen wir doch mittlerweile. Und nicht jeder, der Elektronik und einen Drumcomputer in seine Songs einbaut, ist eines dieser hoffnungslos verlorenen Cyberkids.
Vielmehr sind Genghis Tron erschreckend normal: drei Kerle, mäßig attraktiv, Jeans und Deichmann-Schuhe. Zwei davon zusätzlich mit Bart und Brille. Das Bandfoto könnte also unter dem Gesichtspunkt Sexiness wesentlich mehr hermachen. Das äußerlich vielleicht wirklich einzige Ungewöhnliche an ihnen könnte demnach maximal die Tatsache sein, dass sie eben keinen menschlichen Schlagzeuger haben, was aber in heutiger Zeit mit Sicherheit keinen mehr vom Hocker reißen wird. Auch musikalisch gesehen ist der Ansatz von Genghis Tron eigentlich recht simpel, wenn auch das Ergebnis einigen schwer in die Knochen fahren könnte. Genghis Tron vertonen im Grunde jedoch nur die logische Konsequenz dessen, was Musik als stinknormale Kunstform ausmacht: viele Farben mischen, schöne bunte Bilder malen, sich stetig weiterentwickeln und Grenzen ausloten. Und neu definieren. Siehe auch das Cover.
Was Genghis Tron mit “Board up the house” abliefern, ist so was wie musikalischer Surrealismus: Eine scheinbar konstruierte Welt der Abstraktion und Zombies, in der die jetzige Realität reflektiert werden soll. Jeder 80er-Beat wird ins neue Jahrtausend transportiert, kein Ausflug in die pure Aggression ist willkürlich, und trotz des anarchistischen Stilmixes fügt sich jedes Element ins andere ein. Auf kompletter Albumlänge sogar. Fast paradox im Grunde. Doch genau das sind Genghis Tron auch, deswegen werden sie auch in Zukunft als nonkonforme Einzelkämpfer abgestempelt werden. Zu Unrecht, wohlgemerkt, denn sie handeln nicht bewusst revolutionär, sondern werden vielmehr dazu deklariert. Kunst aufzunehmen, wiederzukäuen und gequirlt auszuspucken, war schon immer das eigentliche Stilwerk. Nur im Metal vielleicht nicht, aber das sind Genghis Tron sowieso schon fast gar nicht mehr. Vielleicht auch nie gewesen.
Tracklist:
01) board up the house
02) endless teeth
03) things don’t look good
04) recursion
05) i won’t come back alive
06) city on a hill
07) the whips blow back
08) colony collapse
09) the feast
10) ergot
11) relief
© written for plattentests






