Archive for January, 2008

Die Eier legende Wollmilchsau

Wednesday, January 30th, 2008 at 19:42

| aktueller song: khoma – hyenas |

Junius – Junius
Vö: 08. Februar 2008
Label: Make My Day / Al!ve
Länge: 45:41 min
Hit: Hiding Knives
Punkte: 7/10

Junius - Junius

Es gibt sie also doch noch: die gute, alte Überraschung. Das Gefühl, dass einen gerade etwas aus den Socken gehauen hat. Irgendwas, womit man in diesem Moment absolut gar nicht gerechnet hätte. Nicht so wie Weihnachten, Geburtstage oder Linkin Park, bei denen man schon vorher weiß, was es als Geschenk unterm Baum geben wird. Nein, gemeint sind die richtig richtigen Überraschungen – Radiohead spielen ein kostenloses Konzert nur für Plattentests.de-Leser in unserem Redaktionskeller, der Chef bewilligt bei einem geselligen Feierabendbier die längst überfällige Gehaltserhöhung, die Freundin hält einem voller Jubel ein Ultraschallbild unter die Nase. Ein Junge. Die Überraschung ist perfekt. Ganz ohne Schleifchen.

Genau so kommen auch Junius daher: aus heiterem Himmel, ohne rotes Geschenkband, extrem schlicht verpackt und mit einem Cover ohne Bandname. Völlig unscheinbar also. Positiv kommt ebenso hinzu, dass im Vorfeld nicht einmal großer medialer Wirbel gemacht wurde, der wieder irgendein neues Superding ankündigt. Es trifft einen um so unerwarteter. Junius aus Boston platzen einfach so ins Ohr, kleben dort fest wie Schmalz am Wattestäbchen und wollen nicht mehr weg. Müssen sie auch nicht, Geschenktes verschenkt man erstens nämlich nicht weiter, und zweitens will man das selbstbetitelte Debütalbum auch überhaupt nie mehr hergeben. Allein schon wegen “Hiding knives”, nach dem Intro der eigentliche Opener: spannend bis ins Letzte arrangiert, aber spielerisch leicht vorgetragen und auch nach zigmaligem Hören immer noch Spaß bringend.

Wobei es schon fast etwas paradox ist, wenn diesen Spaß ein Album mit so einer dunkel-melancholischen Grundstimmung zwischen älteren Dredg, Joy Division und iLIKETRAINS bereiten kann. Doch es ist vielleicht vielmehr das Gefühl, endlich einmal wieder von einer Platte auf kompletter Länge gefesselt zu werden, die man völlig jungfräulich neu entdecken und für sich erschließen kann – auch wenn die Lieder zuvor schon auf zwei EPs veröffentlich wurden, die sowieso kaum einer kennen wird. Vielleicht ist es aber auch genau die richtige Mixtur zum richtigen Zeitpunkt, die Junius das Besondere verleiht: eine Stimme, die nicht selten an Mattias Klostrup von Dúné erinnert, diese sympathische Angepisstheit von Brand New, die dunkle Härte von Isis bei gleichzeitiger Zerbrechlichkeit von The Appleseed Cast. Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen nach der Eier legenden Wollmilchsau. Kann sogar sein, überraschen würde das jetzt zumindest auch niemand mehr.

Tracklist:
01) (elan vital)
02) hiding knives
03) from the isle of the blessed
04) (elan fatale) inaudible secrets
05) forcing out the silence
06) (the annunciation)
07) blood is bright
08) a word could kill her
09) in the hearts of titans
10) at the age of decay
11) lost in basilica

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Reise nach Jerusalem

Friday, January 25th, 2008 at 01:46

| aktueller song: genghis thron – ergot |

Winds Of Plague – Decimate The Weak
Vö: 25. Januar 2008
Label: Century Media / EMI
Länge: 36:50 min
Hit: Anthems Of Apocalypse
Punkte: 6/10

Winds Of Plague - Decimate The Weak

Kennt ihr bestimmt, oder? Das Spiel, bei dem man um die Stühle tanzt (deswegen nicht umsonst auch oft “Stuhltanz” genannt), und wenn die Musik ausgeht, muss man sich schnell einen Sitzplatz schnappen. Der Clou: Es gibt immer einen Stuhl weniger als Teilnehmer. Ich schied immer aus, weil ich bei dem Musikstopp immer genau zwischen zwei Stühlen stand – recht oder links jetzt? Ah, verdammt, beide mittlerweile besetzt. Raus und ausgeschieden. Und tschüss!

Zum Glück lief damals bei diesem Spielchen nie Winds Of Plague. Nicht wegen der Aggression der Musik und weil deswegen die Stühle zum kollektiven Vermöbelungsgegenstand umfunktioniert worden wären. Nein, das ginge ja noch und hätte sicher auch seinen gewissen Reiz gehabt. Winds Of Plague wären vielmehr selbst ausgeschieden, ihrer Entscheidungsunfreudigkeit sei Dank. Reiner Metal oder doch reiner Hardcore? Sie wissen es selbst nicht so genau. Zu lange gezögert, andere haben in der Zwischenzeit längst beide Plätze besetzt. Raus! Auch ausgeschieden!

Doch es ist nur ein Spiel, und wir sind doch alle gute Verlierer, die Band inklusive. Winds Of Plague haben zwar öfters das Nachsehen gegenüber den jungen wilden Abräumern um Suicide Silence, Animosity oder All Shall Perish – vor allem kommerziell gesehen, nicht in Sachen Qualität – haben dafür im Gegenzug aber das Glück, nicht ebenso austauschbar zu sein. “Decimate the weak” ist nun einmal ein gewagter Spagat zwischen tiefstampfendem Metal und der oftmals dem Hardcore entspringenden Stimme von Sänger Jonathan Cooke. Genau das ist der Reiz. Selbst die Keyboards und Gitarrensoli fügen sich erstaunlich gut in die dunkle Atmosphäre des Albums ein, ohne dabei theatralisch zu klingen, das wäre dann ja auch eher das Spezialgebiet von Children Of Bodom.

Es ist also wahrlich keine Schande, zwischen den Stühlen zu tanzen und sich nicht so recht entscheiden zu können. Winds Of Plague wollen das sogar bewusst nicht. Das ist zwar nicht der leichteste Weg, hat aber Charakter und auch Charme. “Decimate the weak” offenbart jedoch zum Ende hin das Problem: Man will auf jeder Hochzeit dabei sein, dort von jedem Kuchen naschen und jedes Gellschaftsspiel gewinnen. Einen Versuch ist es wert, aber da müssen Winds Of Plague noch den richtigen Mittelweg finden, sonst sitzen sie, wenn die Musik ausgeht, auf dem nackten Arsch. Ohne Stuhl. Und das sieht doof aus. Und raus wären sie obendrein.

Tracklist:
01) a cold day in hell
02) anthems of apocalypse
03) the impaler
04) decimate the weak
05) origins and endings
06) angels of debauchery
07) reloaded
08) unbreakable
09) one body too many
10) legions

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Auch egal

Saturday, January 19th, 2008 at 20:09

| aktueller song: bring me the horizon – black and blue |

4Lyn – Hello
Vö: 25. Januar 2008
Label: Rodeostar / SPV
Länge: 35:32 min
Hit: Nostalgia
Punkte: 3/10

4Lyn - Hello

“Bei wem sich Geist und Fresse paaren, wird stets gut bei der Presse fahren”, heißt es im Volksmund so prägnant wie treffend. Die letzten vier Alben von 4lyn haben bei Plattentests.de im Schnitt 3,5 von 10 Punkten erhalten, gefühlt kam vielleicht nur Witt noch schlechter davon. Was das jetzt unterm Strich heißen mag, darf sich jeder selbst zusammenreimen, so schwer dürfte das nicht sein. Gut, jetzt könnte man sich denken, schlechte Presse ist besser als gar keine – stimmt auch. Irgendwie muss es ja funktioniert haben, dass 4lyn trotz schlechter Kritiken recht großen kommerziellen Erfolg zuteil wurde.

Doch damit dürfte jetzt endgültig Schluss sein. Immerhin anderthalb gute Ideen hatten die Vorgängeralben ja durchaus, aber auch hierbei hat sich auf dem neuen Album einiges getan. “Hello” verdient keine schlechten Kritiken! Aber beileibe auch alles andere als Gute. Viel schlimmer sogar, was “Hello” wirklich verdient, ist Gleichgültigkeit. Alle zehn Songs rasseln durch – links rein, rechts raus. Von einem Neuanfang, einer Neuausrichtung, einem völlig anderem Sound war die Rede, doch im Endeffekt ist überhaupt nicht viel anders. Sicherlich haben 4lyn nur noch wenig mit diesem New Metal zu tun, den sie auf dem ersten Album “4lyn” noch gespielt hatten, aber das war auf “Compadres” schon so. Trotzdem ist es erstaunlich, so viele Songs zu schreiben, deren einzige Bestimmung es ist, im luftleeren Raum zu hängen. Wirklich richtig grottig ist dabei zwar keiner, aber zünden möchten sie auch nicht. Sie existieren einfach.

Eine Schrecksekunde gibt es dann aber doch: “Nostalgia” – ein Song, der immerhin kurzzeitig die Aufmerksamkeit auf sich lenkt; nicht, weil das die eine obligatorische gute Idee eines jedes 4lyn-Albums wäre, sondern weil sie gerade eben nicht dem Einfallsreichtum der Band entspringt. Wie jeder Song natürlich im supereingängigen Radioformat, aber mit einer Melodie, die man kennt, die vielmehr die ganze Welt irgendwoher schon kennt und die man auch schon problemlos im voraus erahnen kann. Die einzig offene Frage ist jetzt eigentlich nur noch, von dem diese geklaut wurde. Tipps gibt es diesmal aber keine. Ach, und wer oder was war nochmal dieses 4lyn? Und welche Rezension habe ich eben geschrieben? Egal, erst mal duschen.

Tracklist:
01) the grind
02) shadow valley
03) hello (for you i’m dying)
04) world’s gone crazy
05) too much of anything
06) nostalgia
07) lovemaker / soulshaker
08) the jumpoff
09) this heart
10) cowboys

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Männergespräch

Sunday, January 13th, 2008 at 22:56

| aktueller song: architects – low |

Heaven Shall Burn – Iconoclast (Part One: The Final Resistance)
Vö: 25. Januar 2008
Label: Century Media / EMI
Länge: 58:10 min
Hit: Murderers Of All Murderers
Punkte: 7/10

Heaven Shall Burn - Iconoclast (Part One: The Final Resistance)

Letztens fragte jemand nach der Vorstellung der idealen Traumfrau, doch statt der erwarteten Antwort (“Blond, schlank, blauäugig und ordentlich dicke Tüten”) gab es erst einmal betretenes Schweigen. Verdächtig lang, man hätte meinen können, der Gesprächspartner wollte sich nicht als schwul outen, nicht in diesem Moment. Wie die Erleuchtung des Jahrtausends polterte dann ein “Sie muss Ausstrahlung haben!” in den Raum. Schön, sehr schön. Und vor allem so konkret. Das war es dann wohl mit dem Männergespräch. Schade.

Aus Frust über den schnöden Abend hätten Heaven Shall Burn dann gerade recht kommen können, wieder schön direkt auf die Zwölf, wie man das aus Thüringen über die Jahre gewohnt ist. Doch “Iconoclast” ist nicht “Deaf to your prayers”, das wird recht schnell klar. Stattdessen geht der Schritt zurück in ältere Tage. Schon mit dem klassisch-zirpenden Intro des alten Bekannten Ólafur Arnalds fühlt man sich an das “Antigone”-Album erinnert, was ja aber nichts Schlechtes verheißen soll. Im Gegenteil. Was damals das Intro mit dem anschließenden gnadenlosen Ausraster “The weapon they fear” war, ist jetzt “Endzeit”, das sich mit Sicherheit ebenso als härtester Tanzflächensong des Abends ins Programm der Metaldisko ums Eck einschmuggeln dürfte. Doch still und heimlich mausert sich dann doch ein anderer Song zur eigentlichen Single, auch wenn die Highlightstelle gerade einmal 12 Sekunden andauert. Der dezente Beat mit dem der Anfang von “Murderers of the murderers” unterlegt ist, treibt einem nicht nur ein kleines Schmunzeln ins Gesicht, sondern lässt einen an das zurückdenken, was man zuvor als Nichtig empfunden hatte: das gewisse Etwas, die sogenannte Ausstrahlung. Der Kumpel hatte doch Recht.

Heaven Shall Burn knüpfen mit den restlichen Songs des Albums aber auch sonst an frühere Zeiten an: Weg vom einseitig wummsenten “Deaf to our prayers”, hin zu mehr Abwechslung, auch wenn man natürlich eingestehen muss, dass – abgesehen von ein paar auflockernden Passagen und dem rein instrumentalen “Atonement” – die Doublebass immer noch sehr, sehr konsequent durchknattert und auch der Gesang zwar überdurchschnittlich gut und markant, aber nicht unbedingt vielfältig ist. Muss er letztendlich aber auch nicht, denn wovon “Iconoclast” hauptsächlich lebt, ist Charme, die unspektakuläre Leidenschaft, nicht zwangsläufig der geilste Scheiß sein zu müssen. Eine Bodenständigkeit, die man dem Album in jedem Lied anhört. Paart sich dazu aber noch ein grundlegendes Konzept, welches sich mit dem politischen Staat und Religion befasst, könnte das schnell in Unsexyness abdriften, weil man sich eben doch längerfristig mit dem Album beschäftigen muss. Aber genau darum geht’s. Nicht um dicke Tüten.

Tracklist:
01) awoken
02) endzeit
03) like a thousand suns
04) murderers of all murderers
05) forlorn skies
06) a dying ember
07) joel
08) quest for resistance
09) black tears
10) the bombs of my saviours
11) against all lies
12) the disease
13) equinox
14) atonement

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Relativitätstheorie

Friday, January 4th, 2008 at 00:07

| aktueller song: funeral diner – we become buried |

The Ocean – Precambrian
Vö: 09. November 2007
Label: Metal Blade / SPV
Länge: 86:11 min
Hit: Stenian
Punkte: 9/10

The Ocean - Precambrian

Alles ist relativ. Wirklich alles! Geld, Zeit, Komplexität und Kunst sowieso. Und da sitzt nun in diesen Tagen ein gewisser Dustin Kensrue von Thrice vor der versammelten Weltmusikpresse und erzählt, wie verflochten und mehrteilig “The alchemy index” mit seinen 4 EPs doch sei. Feuer, Wasser, Erde, Luft und das alles. Schwer fassbar. Angeblich. Doch seien wir ehrlich: Auch das ist nur relativ. Denn egal, was man bei so einem Konzeptalbum alles falsch machen kann, The Ocean machen mit “Precambrian” alles richtig.

Geld: The Ocean gehören mit Sicherheit nicht zu den größten Bands auf Metal Blade, verschlingen aber höchstwahrscheinlich die meiste Kohle. Allein das Artwork – Entschuldigung, DAS Artwork! – würde einen doppelten CD-Preis gerechtfertigen: ein edles Hochglanzbooklet, das nur mit Samthandschuh angefasst werden sollte, man könnte ja Fettfinger hinterlassen. Ganz zu schweigen von den aufwändigen Grafiken, den Ausstanzungen im Cover, der durchsichtigen einen und im passenden Gegenzug dazu der komplett schwarzen zweiten CD. Mit den bombastischen Aufwendungen für die Produktion fangen wir gar nicht erst an, das ist dann eher relativ.

Zeit: So viele Monate sind seit dem Brocken “Aeolian” noch gar nicht ins Land gegangen, doch wenn man bedenkt, was hinter “Precambrian” für ein organisatorischer Aufwand steckt, mit all diesem Hin und Her der zig Sänger um Dwid Hellion (Integrity), Caleb Scofield (Cave In) oder auch Nate Newton (Converge / Old Man Gloom) sowie den restlichen geschätzten 85 Personen, die mittlerweile zum The Ocean Collective gehören, dann Hut ab. Aber überhaupt ist ja Zeit eigentlich das Thema des Albums – die Entstehung und Entwicklung der Erde im Laufe der Millionen, gar Milliarden von Jahren. Und das komprimiert auf 86 Minuten, wohlgemerkt. Zeit ist also nicht umsonst die relativste von allen Größen.

Komplexität: Als ob der Kerngedanke hinter “Precambrian” noch nicht weitläuftig genug wäre, als ob die Zitate und Verweise auf Friedrich Nietzsche, Comte de Lautréamont oder Georg Trakl für viele nicht schon viel zu sehr über den Horizont hinaus gehen würden, The Ocean setzen noch einen oben drauf. Was bei Thrice simpel in eine harte “Fire”- und eine weiche “Water”-EP eingeteilt wurde, machen The Ocean mehr oder weniger auch, bloß etwas schwer zugänglicher. Weich bedeutet nicht wirklich weich, sondern maximal etwas verhaltener und hart gab es zwar auch schon härter, aber nie in Form eines solchen Kolosses. Ähnlich wie bei dem Querschnitt durch die Millionen von Erdjahren, scheint es auch bei ihrer Musik zu sein, die keinen Einfluss aus Ambient, Postrock, Sludge, Metal und Progressive auslässt, dennoch aber keineswegs abgehobene Selbstverliebtheit widerspiegelt.

Kunst: Die ist dann auch das Größte an “Precambrian”. Ein Musikalbum, das viel mehr ist als reine auf CD gepresste Lieder. Stattdessen handelt es sich um ein überaus stimmiges Gesamtkunstwerk aus Lyrik, eben jener vielfältigsten Musik, Grafikdesign und der Gewandtheit, das alles in einen Kontext zu bringen, der in sich harmonisch ist, auch nach Wochen noch Details hervorbringt und Augen und Ohren offen stehen lässt. Ganz zu schweigen davon, dass The Ocean viele derzeitige Bands als reinste Dilettanten im Raum stehen lassen und den Hörer oftmals gleich mit. The Ocean überfordern leidenschaftlich. Zum Glück.

Tracklist:
cd 1 (hadean / archean):
hadean
01) hadean

archean
02) eoarchean
03) paleoachean
04) mesoarchean
05) neoarchean

cd 2 (proterozoic):
palaeoproterozoic
01) siderian
02) rhyacian
03) orosirian
04) statherian

mesoporoterozoic
05) calymmian
06) ectasian
07) stenian

neoproterozonic
08) tonian
09) cryogenian

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Hipster

Thursday, January 3rd, 2008 at 22:36

| aktueller song: the ocean – inertia |

Bodi Bill – No More Wars
Vö: 09. März 2007
Label: Sinnbus / Al!ve
Länge: 46:52 min
Hit: Very Small
Punkte: 7/10

Bodi Bill - No More Wars

Kritik und Ästhetik müssen nicht zwangsläufig einen Widerspruch ergeben. Heutzutage muss Protest in erster Linie erst einmal gut aussehen, dazu jede Menge Style haben und nicht zuletzt einen ebenso hohen Partyfaktor besitzen. So sieht sie aus, die neue Form der Kulturrevolution. Der erste Eindruck von “No more wars” erinnert nicht von ungefähr an diese modernen und echt verdammt hippen Nachwuchskünstler, die mit fetten Blockbuchstaben Antikriegsstatements an leere Häuserwände setzen oder mit schnieken Apple-Notebooks zu sachten Beats illegale Lichtinstallationen entwerfen. Bodi Bill laden regelrecht dazu ein. Unterschwellige politische Botschaft inklusive.

So sieht die Auflehnung von heute eben aus: latent, aber überaus spitzfindig ausgerichtet, minimalistisch, wunderbar elektronisch und vor allem sehr en vogue. Bodi Bill schaffen es dank ihrer stilistischen Vielfalt, sowohl Artspace-Partymusik als auch cleaner Kleingruppenelektro mit Hang zur Nachdenklichkeit zu sein. Doch dass sich Tanzbarkeit, Songwriting und Rotwein-Melancholie keineswegs ausschließen, stellt “No more wars” gerade am Anfang des Albums ziemlich deutlich klar. Sehr bedachte und reduzierte Beats, vielmehr sogar reiner Pop mit Klavier, Streichern, Elektronik und natürlich dieser angenehmen Thom-Yorke-Stimme, lässt “Parking space” und “Traffic jam” schon zu kleinen Hits werden, die dann in der ästhetischen Melodieverliebtheit von “Very small” gipfeln. Schwermut mit Hoffnungsschimmer.

Doch es darf auch ordentlich gefeiert werden. “Nothing” bildet daraufhin so etwas wie den Umschwung, der eingängig tanzbare Übergang von nachdenklicher Bedrückung hin zu dicken, aber alles andere als überfrachteten Clubbeats mit Tanzflächenatmosphäre. Gleichzeitig wird ab hier auch das Songwriting auf ein Minimum reduziert, und im Gegenzug darf der Körper zu unaufdringlicher, aber keineswegs lahmer Elektronikmusik mit melodischem Programming bewegt werden, die nicht selten den Spagat zwischen ambientem Lounge und Nachtclubdance versucht. Letztendlich auch mit Erfolg, denn nicht oft glückt diese Kombination aus Partygesellschaft, Tiefgang, Popkultur, Kunst und Statement. Hipp!

Tracklist:
01) parking space
02) traffic jam
03) very small
04) nothing
05) kilogramm
06) straw hats
07) be home before dinner
08) naegel
09) elephant ears
10) willem

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