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Leben ohne Menschenwürde

Deutschland 2005. Westliche Industrienation. Wir leben in Europa, in einer zivilisierten Welt. Wir sind Ziel terroristischer Anschläge. Das Grauen in Madrid. Zig Tote in London. Flutopfer in Rumänien.
Die „Bild“ zeigt verbrannte Gesichter aus der Londoner U-Bahn, die englische „The Sun“ zeigt auf der Titelseite einen 8-jährigen Jungen, der in den Fluten hilflos treibt und es sieht so aus, als ob er gleich für immer von der Strömung weggerissen und verschluckt wird und nie wieder lebend zurückkehrt.
Und wir? Wir sitzen in Frankfurt, Düsseldorf oder wo auch immer und ertappen uns dabei am frühen morgen beim Aufschlagen der Zeitung lieber über den kalten Kaffee zu schimpfen. Eigentlich müssten wir am trockenen Brötchen nach diesem Gedanken ersticken, aber die Schicksale dieser Welt berühren uns nicht mehr.
Wir sind Opfer unserer eigenen Medien.
Nackte Leichen als Treibgut sind Alltag. Egal ob im Fernsehen, in der täglichen Zeitung oder im Internet – das Entsetzen wird zum Unerträglichen gesteigert, das Leid anderer ausgeschlachtet und für die Hälfte aller Deutschen ist der Zeitungsgenuss Entspannung.
Das Weltpressefoto 2004 zeigt eine hilflose betende Frau vor einem abgetrennten Arm, womöglich eines Angehörigen, der in den Fluten auf Sumatra ums Leben kam. Das der Gewinner des Wettbewerbes 2003 zeigt einen afrikanischen Soldaten, der am Straßenrand einen alten Mann regelrecht hinrichtet.
Bilder die um die Welt gingen. Bilder für die Milliarden der Öffentlichkeit. Wir betrachten sie 3 Minuten mit halbherzigem Interesse und verbannen sie dann aus unseren Köpfen, weil das Leid weit weg ist. Angeblich. Weil wir abgestumpft und egoistisch sind. Herzlichen Glückwunsch du zivilisierte Welt.
Kameramänner und Fotografen bringen sich in Lebensgefahr für die Aufnahme oder das Bild, das Minuten später schon um die Welt gehen wird. Bringen sich Kameramänner und Fotografen in derselben Situation auch in Lebensgefahr, um eine Sekunde ihre Kamera zu vergessen und den kleinen Jungen mit einem beherzten Griff aus den Fluten ziehen?
Gibt es eine Grenze für die Kamera? Gibt es eine Grenze für die Darstellung der Berichte? Gibt es Ethik und Moral im Mediengeschäft?
Seit Jahrzehnten geistert die Frage durch das Medienzeitalter und nach jeder neuen erschreckenden Katastrophe wird wieder debattiert und die Veröffentlichung solcher Unsäglichkeiten berechtigterweise diskutiert.
Doch genauso schnell wie die Flut kommt oder die Bomben explodieren, genauso schnell verschwindet die Debatte auch wieder – es gibt ja schon wieder neue heiße Ware auf den Titelseiten.
Wie wirken die Bilder auf Angehöriger der Opfer, die vielleicht einen oder gar mehrere Familienmitglieder verloren haben oder noch als vermisst gelten? Wie verkraften Kinder die Bilder? Überschreitet das tägliche Betrachten solcher Bilder nicht selbst unsere seelische Fassungskraft? Was bewirken solche Bilder in unserem Gehirn? Kann man und darf man so eine Berichterstattung verantworten?
Dass der Kanal langsam voll ist, lehrt uns die Traumaforschung. Unruhiger Schlaf und Alpträume sind nur der Anfang und zwanghaft erforderlich, weil wir uns im normalen Leben nicht mehr mit solchen Schicksalen auseinander setzen, es aber menschlich wäre. Die Folge ist das unbewusste Erfassen der Geschehnisse und Bilder im Schlaf. Es dekompensiert, aber es ist nur ein Bruchteil.
Meist bleibt es bei einer kurzzeitigen Starre und Empfindungslosigkeit als reiner Schutz vor Schmerz, der sich aber schnell wieder im Alltag verliert.
Anders bei Betroffenen, an die in der zivilisierten Welt zu wenig gedacht wird: das Hervorbrechen der Bilder, Traumata, längst vergangene Erinnerungen die hochkommen, emotionale Reflexe, die das Denken und Handeln überrennen, verdrängte Angst wird zur schmerzlichen psychischen und physischen Macht.
Panik ist die Folge. Medien nennen das inflationär „Hysterie“.
Wo bleibt die Verantwortung der Medien? Die Würde des Menschen ist unantastbar. Hat ein in Leichenstarre liegender Kinderkörper noch Würde? Darf man diesen Blick Milliarden von Menschen zeigen, wenn gleich man predigt dem Toten einen würdevollen Abschied zu gewähren?
Medien müssen detailliert berichten – das ist ihre Aufgabe. In gewisser Weise müssen sie Mitleid erwecken, woraus dann Hilfsbereitschaft entsteht. Die Zeitungen und Fernsehberichte sind aber voll mit Tot, Krieg, Elend, Hunger und Krankheiten – das verkraftet kein noch so soziales Herz.
Fotografen bekommen Geld für Bilder auf der Titelseite. Geld für jedes Schreckensbild. Ist das die Aufgabe der Medien?
Sensibilität und verantwortungsvolles Handeln sind chinesische Fremdwörter im Medienalltag. Scham, Ehrfurcht vor dem Tot, Scheu, Intimsphäre. Alles wird missachtet und ungefragt entblößt.
Alles wird ausgeschlachtet, Grenzen überschritten. Das ist kein Fortschritt der Menschlichkeit. Diese Art der Medienberichterstattung ist unzulässig und vorbei an jeder Form der Menschlichkeit und das am Tag zehn mal, sieben Tage die Woche und das seit Jahrzehnten.
Der Mensch wird seelisch durchsichtig und verletzt – seine Würde wird wohlwissend angegriffen von den Medien.
Die Würde jedes Menschen ist antastbar. Willkommen in der zivilisierten Welt.
(Juni 2005)