Archive for the 'Platten' Category

Panta rhei

Wednesday, May 12th, 2010 at 23:30

| aktueller song: marie fisker – devil tear |

Hundreds – Hundreds
Vö: 30. April 2010
Label: Sinnbus / Rough Trade
Länge: 48:33 min
Hit: Solace
Punkte: 7/10

Hundreds - Hundreds

Ob nun die Wolken am Himmel, heißes Magma in isländischen Vulkanen, die globalisierte Weltwirtschaft, Immobilienspekulationen ohne Boden, Blut und Speichelfluss oder vom Regen weggespülte Hundescheiße auf dem Bürgersteig – alles fließt, alles ist stets in Bewegung. Das wusste auch schon ein alter, weiser Mann Namens Heraklit vor ziemlich vielen Jahren, und daran hat sich bis heute exakt gar nichts geändert. Hundreds stehen ganz in seiner Tradition. Bewusst oder unbewusst, aber das ist ja erst einmal egal.

So muss ein Album auch als Ganzes gesehen werden, dieses selbstbetitelte hier besonders. Das Cover: ein komplexer Bewegungsablauf einer wohl schwimmenden Person in einem verrauschten Gewässer – eingefangen in einer Viertelsekunde oder gar noch weniger. Oder die Tracklist: “Happy virus” heißt da ein Song, der so tanzbar-fröhlich ist, dass man den textlichen Beigeschmack fast überhört. Das sind nur zwei kleine Beispiele, aber “Hundreds” steckt voll solcher scheinbar mickriger Spannungen, Widersprüche und Gegensätze, die unterm Strich eigentlich keine sind.

Heraklit hätte aber bestimmt auch sonst seine Freude daran, war er doch gegen jegliche Form von Oberflächlichkeit und hatte einen Hang zu verschiedenen Wahrnehmungswelten, was nicht zwangsläufig etwas mit Drogeneinflüssen zu tun haben muss. Genau diese zwei Dinge zeichnen Hundreds aus: leichtfüßiger Tiefgang und eine angenehme Ambivalenz zwischen unaufdringlicher Popmusik im Tanzformat einerseits und bittersüßer Melancholie andererseits, die der omnipräsenten, sich aber nie aufdrängenden Stimme von Eva Milner anhängt.

Hundreds tanzen unbekümmert zwischen den Stühlen, zwischen Tag und Nacht, zwischen Club und heimischen Sofa, zwischen Bionade und Wodka pur. Deswegen liegt die eigentliche Stärke des Albums auch nicht in den Quasi-Singles “Solace” oder “Happy virus”, sondern in der intimen Atmosphäre, die sich konsequent aufbaut und einen auch auf kompletter Länge behutsam mitnimmt. Zwischendurch streichelt dann mütterlich ein Piano den Hörer wirft ihm dezente Elektronik wirft einem ein Lächeln zu. Selbst die verspielten Interludes “Blank” und “Walking on rails” fügen sich nahtlos ein und ordnen sich dem Gesamtkonzept unter. Alles wirkt wie aus einem Guss. Oder eben Fluss.

Mindestens genauso spannend aber ist, wie es auch die Philosophie besagt, dass man niemals zwei Mal in den gleichen Fluss steigen kann. Genau diese Denkweise spiegeln auch die Songs wider: Man weiß zu jeder Sekunde, in welchem Wasser man sich befindet, aber die Tiefe, die Wärme, der Untergrund bleiben unbestimmt. Hundreds schmeißen den Hörer einfach rein, ohne eine Richtung vorzugeben. Und drin zu schwimmen, will erst einmal gelernt sein.

Tracklist:
01) solace
02) grab the sunset
03) happy virus
04) fighter
05) i love my harbour
06) blank
07) machine
08) song for a sailor
09) walking on rails
10) wait for my raccoon
11) let’s write the streets
12) little heart

© written for plattentests

Posted in Platten
by admin

Zu spät

Friday, April 16th, 2010 at 20:13

| aktueller song: iamx – i am terrified (alec empire remix) |

Cypress Hill – Rise Up
Vö: 23. März 2010
Label: Priority / EMI
Länge: 58:11 min
Hit: It Ain’t Nothin’ (Feat. Young De)
Punkte: 4/10

Cypress Hill - Rise Up

Es ist zweifellos eine schwere Entscheidung, die gut überlegt sein will, aber sie schweißt so unterschiedliche Personen wie Lance Armstrong und Martin Schmitt, alle Drehbuchautoren von Hollywood-Fortsetzungen und die Produzenten von “Germany’s Next Topmodel” einheitlich zusammen. Auch Steve Jobs und Dieter Bohlen sollten sich genau wie eben Cypress Hill fragen: Wann ist Schluss? Das Problem ist aber: Der eine oder andere hat den Absprung quasi schon verpasst!

Diese Erkenntnis muss schrecklich sein. Eigentlich kann man nur noch verlieren – allen voran an Image und Glaubwürdigkeit, aber es bröckelt zusehends auch der Ruhm von gestern. Michael Schumacher kann aktuell auch ein Lied davon singen. Damals zu Zeiten des Crossover und New Metal, quasi als Schumi auch noch gewann, da waren Cypress Hill noch eine richtig große Nummer mit Chartplatzierungen und dem ganzen Drum und Dran. Dann kam die künstlerische Pause.

Zurück im Geschäft machen sie nun das, was sie schon immer gemacht haben: Rap und Rock verbinden – bloß nicht mehr entsprechend konsequent! “Rise up” ist nicht schlimm, nicht ärgerlich – aber eben auch nicht mehr gut oder wichtig. Man wird halt nicht jünger. Hecheln alte Comeback-Sportler hinterher, floppten “Saw II” bis “Saw VI”, so können Cypress Hill auch kaum noch gegen die jungen Wilden ankommen. Es hat vielmehr etwas Nostalgisches, wenn Gastmusiker wie Mike Shinoda (Linkin Park), Tom Morello (Rage Against The Machine), Daron Malakian (System Of A Down) oder auch Everlast für “Rise up” ins Studio eingeladen werden, schließlich vereint alle eine gewisse absteigende Relevanz.

So verwundert es auch überhaupt nicht, dass gerade mehrere der Songs mit prominenter Gast-Beteiligung gleichzeitig die schwächsten sind: Im Titeltrack “Rise up” spielt Tom Morello ein lahmes Demo-Riff aus Jugendzeiten, während Mike Shinoda den Refrain von “Carry me away” seiner Tochter als Einschlaflied singen könnte. Von Daron Malakians chaotischen System-Of-A-Down-Tagen ist auch absolut keine Spur mehr zu hören. Erschreckend, denn früher wären Cypress Hill solche Konsens-Rocksongs nicht rausgerutscht, da erinnere man sich nur an die verhältnismäßig harte zweite CD von “Skull & bones”. Und selbst die MTV-Single “Trouble” hatte da mehr Eier.

Es ist deswegen etwas paradox, dass Cypress Hill einerseits wegen ihrer Gratwanderung zwischen HipHop und Rock’n'Roll das erste Signing von Snoop Doggs neuem Label Priority sind, andererseits die einzig herausstechenden unter mal durchschnittlichen, mal ärgerlichen Songs lupenreine Rap-Nummern sind. Allen voran die Halbballade “Take my pain” mit Everlast und die Single “It ain’t nothin’” (feat. Young De), deren Beat immerhin etwas Schwung in das Album bringt. Dumm nur, dass es gleichzeitig der Opener ist. So verpasst man aber selbst den Absprung nicht.

Tracklist:
01) it ain’t nothin’ (feat. young de)
02) light it up
03) rise up (feat. tom morello)
04) get it anyway
05) pass the dutch (feat. evidence and the alchemist)
06) bang bang
07) k.u.s.h.
08) get ‘em up
09) carry me away (feat. mike shinoda)
10) trouble seeker (feat. daron malakian)
11) take my pain (feat. everlast)
12) i unlimited
13) armed & dangerous
14) shut ‘em down (feat. tom morello)
15) armada latina (feat. pitbull and marc anthony)

© written for plattentests

Posted in Platten
by admin

Neue Ufer

Friday, April 2nd, 2010 at 05:46

| aktueller song: wye oak – my neighbor |

The Dillinger Escape Plan – Option Paralysis
Vö: 26. März 2010
Label: Party Smasher Inc. / Season Of Mist / Soulfood
Länge: 41:28 min
Hit: Widower
Punkte: 7/10

The Dillinger Escape Plan - Option Paralysis

Zugegeben, früher, als wir noch klein und unschuldig waren, da hatten wir ja schon das eine oder andere Mal die Hose wegen der Brachialität von The Dillinger Escape Plan voll. Heute sind wir natürlich abgeklärter, ein bisschen wildestes Gitarrengewichse und ein paar verrückte Schreie sollten keinen mehr aus der Latschen kippen lassen. Außerdem sind The Dillinger Escape Plan seit “Ire works” Pop. Aber doch: “Option paralysis” überrascht wieder aufs Neue. So veröffentlicht nun die Band ihr viertes Album aus Frust über die Musikindustrie über ihr eigenes Label.

Die Mosaiktechnik vom Cover ist ein gutes Symbol, machen The Dillinger Escape auch nichts anderes: Tausende von wildesten Gitarrenläufen, Schreifetzen, Wutausbrüchen und soundtechnischen Spielereien über- und aneinanderlegen, sodass es ein großes Ganzes ergibt – was erst einmal falsch interpretiert wird. Oder gar nicht erst erfasst werden kann! Und so rotierte, rotierte und rotierte “Option paralysis” in allen Konstellationen, in allen Stimmungslagen, über Anlage, über Kopfhörer, im Auto, beim Shopping neuer Schuhe und in der Badewanne, aber – Überraschung – es passiert nicht wirklich viel mit einem selbst. Der finale Funke dieses sehr guten Albums lodert zwar, spingt aber noch nicht über. An der Musik allein kann es nicht liegen, die ist abermals dermaßen mit Gebrüll, Geballer und Geschrei überfrachtet, dass einem teils schwindelig wird. Und mit Melodien. Ganz typisch für diese konsequente Weiterentwicklung der Band ist dabei schon der Opener “Farewell, Mona Lisa”: Brutaler Anfang am Limit der Saiten und Stimmbänder, dann der Wechsel zum melodisch verquer gesungenen Part, bevor danach beides nochmals überdehnt wird. Das tut gut.

“Option paralysis” ist die logische Fortführung von “Ire works”, die nicht minder eingängig ist, aber gleichzeitig eben auch gerne noch einen Schritt zurück zu den Wurzeln machen würde. Die fiesen Hardcore-Brocken “Good neighbor” oder auch “Crystal morning” könnten zum Beispiel aus jener Zeit stammen, während “Gold teeth on a bum” schon fast wie eine Kollaboration von Faith No More und System Of A Down wirkt, die mit den chaotisch zusammengekloppten früheren Meilensteinen wenig bis gar nichts mehr am Hut hat. Andersrum sollte man sogar mehr als froh sein, dass The Dillinger Escape Plan mittlerweile richtige Songs schreiben können, andernfalls hätte sich so etwas wie diese – im wahrsten Sinne des Wortes – Ballade “Widower” oder auch “I wouldn’t if you didn’t” gar nicht in die Tracklist mogeln können. Und genau deswegen ist es falsch, zu erwarten oder zu erhoffen, eben jene Initialzündung würde durch brachiale Schockeffekte oder krasses Instrumentengeprügel überspringen. Die Zeiten sind definitiv vorbei und das ist auch gut, damit muss man sich jetzt anfreunden. Ob man will oder nicht.

Tracklist:
01) farewell, mona lisa
02) good neighbor
03) gold teeth on a bum
04) crystal morning
05) endless endings
06) widower
07) room full of eyes
08) chinese whispers
09) i wouldn’t if you didn’t
10) parasitic twins

© written for plattentests

Posted in Platten
by admin

Gute Gaben

Thursday, February 4th, 2010 at 23:48

| aktueller song: poison the well – nerdy |

Wive – Pvll
Vö: 05. Februar 2010
Label: Exile On Mainstream / Soulfood
Länge: 39:38 min
Hit: Lazarvs And Dives
Punkte: 6/10

Wive - Pvll

Von Depression, großem Schmerz und Zweifel war einst bei “Dry land” von A Whisper In The Noise die Rede. Doch die Zeiten sind vorbei. Im Falle des Schwermuts kann man das natürlich nur gutheißen, doch das vorläufige Ende dieser Band stimmt trotzdem traurig. Dennoch sind Wive keine gewöhnlichen Nachfolger, selbst wenn neben Ex-Schlagzeuger Matt Irwin auch Violistin Hannah Murray bei dem neuen Projekt dabei ist. Das war es dann nämlich schon an Gemeinsamkeiten.

Gänzlich unterschiedlich ist die Herangehensweise, auch wenn natürlich hörbare Ähnlichkeiten nicht von der Hand zu weisen sind. Trotzdem: Waren A Whisper In The Noise von ihrer Stimmungslage her eher die Vertonung der sieben Todsünden, so spiegelt dieses Album die Gaben des Heiligen Geistes wieder. Oder noch reduzierter gesagt: “Pvll” ist so etwas wie die gute Seele. Balsam für die Nerven. Da stört nicht einmal die eigenwillige Typographie, die einem permanent ein V für ein U vormacht.

Vor allem ist es aber auch ein überaus subtiles Album, welches zwischen Singer-Songwriter, Folk und verspielten Elektronikschnipseln sowie viel Klavier ganz besondere Charakteristika aufweist: Kreativität, Leidenschaft, Freundlichkeit, Barmherzigkeit und sogar eine gewisse Fürsorge. “Pvll” nimmt in den Arm, streichelt behutsam über Kopf und Geist und vermittelt das Gefühl von Geborgenheit. Und das nicht nur in “Lazarvs and dives”, wenn Meghan Irwin mit Isaac Everhart im Duett singt und beide dabei ziemlich verträumt nordeuropäisch klingen.

Vielleicht ist es sogar das Fehlen von sogenannten Hits, was “Pvll” so sympathisch macht, ohne dass man eigentlich genau weiß warum. Es ist größtenteils die Liebe zum Detail, die sich vor allem im Artwork mit der handbedruckten Baumwolle bemerkbar macht. Das gewisse Etwas von Wive entdeckt man erst dann, wenn man mehrmals versucht, sich in die mitunter sehr ruhigen Songstrukturen hineinzuversetzen. Keine heiße Affäre, eher etwas Ernstes mit Zukunft.

Tracklist:
01) toast to famines
02) teethy
03) langvage
04) lazarvs and dives
05) come, join the sea
06) attrition
07) the day bvrnt to death
08) widows
09) tongve of callvs
10) slvmber’s edit

© written for plattentests

Posted in Platten
by admin

Was die Welt zusammenhält

Saturday, May 9th, 2009 at 23:36

| aktueller song: jeniferever – concrete and glass |

Isis – Wavering Radiant
Vö: 08. Mai 2009
Label: Conspiracy / Cargo
Länge: 54:04 min
Hit: Hand Of The Host
Punkte: 7/10

Isis - Wavering Radiant

Musik hat etwas mit Emotionen, Gefühl, Ausdruck und Kreativität zu tun – das unterschreibt einem jeder. Paradoxerweise erfordert gute Musik aber auch genau das Gegenteil: Struktur, Handwerk, klare Konzepte und feste Ziele. Das Bindemittel, das all das zusammenfügt und auch zusammenhalten muss, ist: Mathematik. Eine Übersicht der Mengenlehre.

Die Teilmenge: Eine Menge A heißt Teilmenge einer Menge B, wenn jedes Element von A auch Element von B ist. Daher muss es also ein Element geben, das quasi über allem thront, eine Menge B, die alles unter sich vereint. Bisher wechselte sich dieses Element bei Isis desöfteren ab, mal war es der Sound selbst, mal der Song, mal die Atmosphäre. Doch all das verkommt auf “Wavering radiant” auch nur zu Teilmengen, da das Grundelement diesmal ein anderes ist: Die Komplexität. Jeder andere Aspekt muss sich nun unterordnen, seien es die monumentaleren Melodien von “In the absence of truth” oder die erdrückendere Stimmung von “Panopticon”.

Die Gleichheit: Zwei Mengen heißen gleich, wenn sie dieselben Elemente enthalten. Und wenn diese gleich gewichtet sind. So zum Beispiel Kopf- und Bauchgefühl. Denn nach x-maligem Hören kommt man zu dem Schluss, dass beide Instinkte zwangsläufig ausgeglichen sein müssen. Zwar gibt es wieder vermehrt Passagen, die zum Versinken in tiefen Gitarren einladen, doch im gleichen Atemzug wirkt das Album auf kompletter Länge auch wesentlich nachdenklicher, organisierter und eben auch viel dichter als seine Vorgänger. Mitdenken wird also umso mehr gefordert.

Die Leermenge: Die Menge, die kein Element enthält, heißt leere Menge. Und die besaßen Isis glücklicherweise nie und klammern Sinnfreiheit auch diesmal aus, was aber auch eine Selbstverständlichkeit ist. Trotzdem macht sich gerade zu Beginn unterschwellig das Gefühl breit, die einzelnen Songs hätten an Seele eingebüßt oder Isis würden auf hohem Niveau stagnieren, von produktionstechnischen Details einmal abgesehen. Doch irgendwann, später als bei vorherigen Alben, macht es doch wieder “Klick” und die Gleichung unter dem Bruchstrich wird durchschaubarer: Latenz + Lakonie + Perfektionismus + Universalität ist ungleich Null.

Die Schnittmenge: Die Schnittmenge ist die Menge der Elemente, die in jedem Element enthalten sind. Mit großer Sicherheit ist genau das nämlich auch der Unterschied, der Isis von gewöhnlichen Bands abhebt: Die Gabe, Gefühle technisch perfekt zu transportieren, diese aber auch gleichzeitig einfach und komplex in einem darstellen zu können. Wie in “Hall of the dead”, dem Ohrwurmmonster als Opener, das die fehlerlose Durchschnittsmenge aus Kreativität und Konzept ist.

Die Vereinigungsmenge: Die Menge der Elemente, die in mindestens einem Element sind. Was quasi die duale Erweiterung des vorherigen Punkts ist: Isis loten den Grad der durchwanderten Gefühlszustande weiter und weiter aus, proben den Twist zwischen neuer alter Rohheit und fortgeführter Melodiösität und erreichen dabei den handwerklichen Höhepunkt mit großartigen Songs und einem in sich geschlossenen Album – ohne große Überraschungen. Die gibt es in der Mathematik eben seit hundert Jahren kaum noch. Und trotzdem hält sie die Welt weiterhin zusammen.

Tracklist:
01) hall of the dead
02) ghost key
03) hand of the host
04) wavering radiant
05) stone to wake a serpent
06) 20 minutes / 40 years
07) treshold of transformation

© written for plattentests

Posted in Platten
by admin

Weil einfach einfach einfach ist

Tuesday, May 5th, 2009 at 00:36

| aktueller song: tina dico – he doesn’t know |

Static-X – Cult Of Static
Vö: 27. März 2009
Label: Reprise / Warner
Länge: 42:06 min
Hit: Tera-Fied
Punkte: 5/10

Static-X - Cult Of Static

Keep it clean and simple! Das ist eine der wenigen Phrasen, welche eigentlich immer Gültigkeit besitzt und obendrein auch noch Sinn ergibt. Static-X haben diese Weisheit seit 15 Jahren, sechs Studioalben und keinem Frisurwechsel konstant angewendet. Sie haben die Einfachheit sogar gänzlich verinnerlicht und sich dabei keinen Millimeter weiterentwickelt. Es ist folglich also auch völlig legitim, dass wir es uns ähnlich einfach machen und eine Art Best-of-Collage der Rezensionen von “Machine” bis “Cannibal” zusammenstellen. Ein symbolischer Querschnitt.

“Static-X bleiben sich in musikalischer Hinsicht mehr als treu: Staubtrockener Hochgeschwindigkeitsrumpelrock zwischen Presslufthammer, Rüttler und Dampfwalze, dessen Innovationsgehalt seit Jahren nur knapp jenseits der Null tendiert. Stabil und stilbewusst bleiben sie im Windschatten von Slipknot, Coal Chamber, Korn und Konsorten, gehen wie jene dann auch mal gelegentlich ein bisschen vom Gas oder erinnern auch mal an den Monster-Groove der seligen White Zombie. Aber mit dem Baukastenprinzip gewinnt man keine Schlachten” – auch vier Jahre nach “Start a war” nicht.

“Die einzelnen Tracks sind durchaus kompakt und wirken für sich genommen wie der berühmte Schlag ins Gesicht. Das Ganze hat allerdings einen Haken: Dem Album fehlt es an wirklichen Highlights. Meist brettert die Musik in ewig gleichem Tempo vor sich hin, während Static fast ununterbrochen wie am Spieß brüllt. Richtig gut werden Static-X bezeichnenderweise nur dann, wenn sie den Fuß ein wenig vom Gaspedal nehmen. Dann allerdings ziehen sie alle Register, die dieses Genre bietet. Resultat sind kalte, geradezu klinische Sounds” – die sich seit “Machine”-Zeiten nicht geändert haben.

“Aber: Die Truppe um Turmfrisurträger, Sänger, Gitarrist, Bandgründer und Namenspate Wayne Static versucht endlich, ihrer stilistischen Selbsteinstufung als “Evil Disco” gerecht zu werden. Und das sogar mit einigem Erfolg. Wo das Debüt-Album noch aus derbem neumetallischen Geboller, garniert mit Trance- und Industrial-Elementen, bestand und der Zweitling weitgehend nur dasselbe Spektrum in möglichst hoher Geschwindigkeit runterbretterte, taucht auf dem Drittwerk “Shadow zone” vermehrt ein nahezu revolutionäres Versatzstück auf: die Melodie” – die diesmal glücklicherweise sogar noch ausgebaut wird.

“Tatsächlich stechen Static-X mit ihrem steril-maschinellen Sound zu dieser markanten Stimme ihres Frontmannes in diesen Tagen noch mehr heraus als zur damaligen Zeit, in der es mit Fear Factory oder Spineshank immerhin noch Genre-Konkurrenz gab. Sicherlich lädt dieser antiseptische Stil und dessen weiterhin konsequente Fortführung dazu ein, der Band Stillstand vorzuwerfen, doch würde das “Cannibal” keineswegs gerecht werden. Gitarrensoli wie auch Elektroelemente rücken wesentlich mehr in den Vordergrund.” Man mag es kaum glauben, aber Static-X schreiben nach 15 Jahren mit “Tera-fied” ihren ersten vollwertigen Song. Das muss bei soviel dreistem Recycling auch mal festgehalten werden.

Tracklist:
01) lunatic
02) z28
03) terminal
04) hypure
05) tera-fied
06) stingwray
07) you am i
08) isolaytore
09) nocturnally
10) skinned
11) grind 2 halt

© written for plattentests

Posted in Platten
by admin

Dummfang

Saturday, April 18th, 2009 at 15:35

| aktueller song: *shels – in dead palm fields |

Maroon – Order
Vö: 17. April 2009
Label: Century Media / EMI
Länge: 47:11 min
Hit: Schatten
Punkte: 3/10

Maroon - Order

André Moraweck bringt es in Unclesally*s auf den Punkt: “Im Osten sehen wir das pragmatisch: Wenn du ein Album ‘Cryptic enslaved malefaction of desire’ nennst, kriegt das nie einer zusammen.” Und im Grunde hat er damit selbst bereits alles Wichtige gesagt: Maroon machen es diesmal auf die ganz simple Tour, weil Ossis ja scheinbar geistig etwas beschränkt sind. Schönen Dank auch! Aber das eine bedingt ja nicht selten das andere, und schlussendlich ergibt sich daraus die Huhn-oder-Ei-Frage: Wurden die Ossis so einfältig im Hirn, weil sie täglich Maroons plumpen Metal ertragen mussten? Oder umgekehrt: Maroon so einfallslos, weil die Nordthüringer Heimat so dermaßen trostlos ist und dort nur Hirnis rumrennen? Man weiß es nicht.

Halten wir allerdings fest: Die einen haben zwar des Öfteren wirklich nicht alle Latten am Zaun, die anderen – sprich Maroon – müssen deswegen aber nicht gleich mit dem Vorschlaghammer drauflos keulen. Denn genau so hört sich “Order” an: Wie für Kloppies. So bekommen Ronny und Kevin einfach durchweg böse Gitarren mit fiesem Getrommel und Standardgeschrei eingetrichtert, da müssen sie aber immerhin um keine zwei Ecken mitdenken. Selbst die nicht ganz so ostdeutschen Titelparolen wie “Bombs over ignorance” oder “Stay brutal” kriegt Maik beim Mitgröhlen hin. Glückwunsch! Das klingt dann zwar in der Aussprache etwas provinzieller, unterstreicht aber den plakativen Charakter. Trueness und so!

Doch das allergrößte Problem ist vielmehr: Maroon führen sich selbst ad absurdum. Und auch bei allem Jux, genau dieser Punkt ist wirklich schade. Da kann es nämlich inhaltlich noch fünfzig Mal um kritische Worte bezüglich Religiosität, der Rolle des Staats, der Familie, von Freundschaft oder sonstwas gehen – die Botschaft scheitert ganz klar im Vermittlungsprozess. Manchmal ist das wie in der Politik: Entweder kapiert es keiner oder wir mündigen Subjekte werden als total blöd verkauft. In diesem Fall eher Zweiteres. Unter Maroons belanglosem, großteils gar einfallslosem melodischen Death Metal geht schlussendlich jegliches Interesse verloren, sich als Hörer tiefer mit Inhalten beschäftigen zu wollen. Nicht jeder ist eben so blöd wie er für gehalten wird!

Tracklist:
01) morin heights
02) erode
03) stay brutal
04) a new order
05) bleak
06) this ship is sinking
07) call of telah
08) leave you scared & broken
09) children of the next level
10) bombs over ignorance
11) wolves at the end of the street
12) schatten

© written for plattentests

Posted in Platten
by admin

Bandname gesucht!

Monday, April 13th, 2009 at 22:09

| aktueller song: from oceans to autumn – reach |

Callisto – Providence
Vö: 03. April 2009
Label: Fullsteam / Rough Trade
Länge: 68:24 min
Hit: In Session
Punkte: 6/10

Callisto - Providence

Die Musikgeschichte ist voll mit Beispielen: Bands wechseln Labels, verlegen ihre Wohnsitze, tauschen Produzenten aus, rotieren in ihren Besetzungen, eines bleibt aber kontinuierlich gleich – der Bandname! Selbst dann, wenn sich nicht nur der Sound einmal um die eigene Achse gedreht hat, sondern die gesamte Band gleich mit. Viele scheitern daran – oft auch zu Recht – manche werden dabei aber erstaunlicherweise sogar besser. Poison The Well zum Beispiel. Bei Callisto wird sich das erst noch rausstellen.

Das Verwunderliche ist nur, dass im Grunde eigentlich gar nicht so viel passiert ist: Callisto sind immer noch Finnen, veröffentlichen auch “Providence” wie gewohnt über Fullsteam Records, und Christen sind sie auch noch. So weit so langweilig. Einzige Änderung ist nun, dass Jani Ala-Hukkala mit diesem Album neu als Sänger hinzugekommen ist. Auch das ist im Wesentlichen keine Zwei-Zeilen-News wert, würde sich dadurch nicht die komplette Band verändern. Warum auch immer. Zeitweilig sogar erheblich zum Langweiligen.

Gerade im Vergleich zu dem früheren Minialbum “Ordeal of the century” oder dem nicht nur namentlich tiefschwarzem “Noir” wirken Callisto, als sei ihnen inzwischen die große religiöse Eingebung gekommen und dürften sie sich nun zur Ruhe setzen. Zwar betreten sie mit dem andersartigen Gesang in “Dead weight” durchaus neue Gefilde, die besseren Sludge-Songs haben sie trotzdem früher geschrieben. Bis auf den mitreißenden zweiten Part von “In session” oder das experimentellere “New Canaan” spielen ohnehin zu viele Songs im mittleren Tempo, nicht selten auch mit trocken monotonen Melodien wie von Katanonia.

Überhaupt drückt die Stimme von Jani Ala-Hukkala dem ganzen Album einen neuen Stempel auf. Und das eben nicht nur im stimmlichen Bereich. Geschrien wird selten im Vergleich zu früher, sogar fast gar nicht mehr, genauso wie Anleihen von Celestine, Transmission0 oder Amenra nahezu vollständig verschwunden sind. Klar: Das muss natürlich nicht alles schlecht sein, ist es nämlich auch nicht, denn jedem Songs kann man durchaus seine spannenden Parts abgewinnen. Und das sollte man “Providence” hoch anrechnen, gerade auch bei einer Spielzeit von fast 70 Minuten, die zwar ihre Durchhänger haben, aber trotzdem nicht langweilig werden. Dies sind aber ganz einfach nicht mehr Callisto, sondern quasi eine neue Band, die früher zufällig genauso hieß. Neue Namensvorschläge leiten wir gerne weiter.

Tracklist:
01) in session
02) rule the blood
03) covenant colours
04) eastern era
05) new canaan
06) stasis
07) where the spirits tread
08) dead weight
09) drying mouths (in a gasping land)
10) providence

© written for plattentests

Posted in Platten
by admin

Babypause

Sunday, April 5th, 2009 at 18:08

| aktueller song: neil on impression – irlanda |

Fever Ray – Fever Ray
Vö: 27. März 2009
Label: Rabid / V2 / Cooperative / Universal
Länge: 48:04 min
Hit: When I Grow Up
Punkte: 7/10

Fever Ray - Fever Ray

Man kommt einfach nicht daran vorbei, Fever Ray als eigenständiges Projekt abseits von The Knife zu sehen. Letztere sind bekanntlich in Babypause, aber von dieser ist absolut nicht viel zu spüren. Vielmehr bastelt Bruder Olof Dreijer an einer Elektrooper über Charles Darwin, während Karin Dreijer Andersson sich um ihr Kind kümmert. Und halt ihre Soloplatte aufnimmt. Nicht umsonst weiß man ja auch, dass Nachwuchs das Leben und die Einstellung der werdenden Eltern oft grundlegend verändert. Meist hin zu ausgeglicheneren Menschen. Fever Ray ist somit das persönlichste, gar intimste Album von Karin Dreijer Andersson, auch wenn natürlich absolut keine biografischen Parallelen vorliegen. Sagt zumindest die Musikerin. Insgeheim geht es der Kunstfigur deswegen nur rein zufällig um Leben und Tod, aber der Synthie-Pop ist derart bittersüß und wohlig einlullend, dass am Ende ganz klar das Positive überwiegt. Dem Baby sei Dank!

Tracklist:
01) if i had a heart
02) when i grow up
03) dry and dusty
04) seven
05) triangle walks
06) concrete walls
07) now’s the only time i know
08) i’m not done
09) keep the streets empty for me
10) coconut

© written for spoonfork magazin

Posted in Platten
by admin

Zwei Seiten

Sunday, April 5th, 2009 at 18:03

| aktueller song: tephra – lower |

Kam:as – Neverstate
Vö: 03. April 2009
Label: Sinnbus / Al!ve
Länge: 88:15 min
Hit: One Hour Hotel (Part II)
Punkte: 7/10

Kam:as - Neverstate

Kam:as haben zwei Gesichter. Das Album “Neverstate” besteht nämlich nicht nur aus zwei CDs, nein, vielmehr hat gleich die gesamte Band zwei Seiten. Und das ist eine Mischung aus viel Können und einigem Nichtwollen, aus Hingabe und Verweigerung. So könnten Kam:as durchaus kleine, verquergefrickelte Indiehits schreiben, wie sie zum Beispiel ihre Labelkollegen Ter Haar spielen – machen sie unterm Strich aber nicht. Denn jedesmal, wenn man sich gerade durch das Dickicht und den Blätterwald gekämpft hat (siehe Artwork), dann taucht ein Motivwechsel oder die durchaus gewöhnungsbedürftige Stimme auf. Aber das soll wohl auch so sein. Die Furcht vor zu viel Melodiösität schwingt zumindest immer mit. Genau das Gegenteil ist CD 2, eine rein instrumentale 45-minütige Live-Jam-Session – frei, unbekümmert, leicht und locker. Und dafür, dass diese als “Akustikdrama” betitel ist, auch ungewöhnlich milde gestimmt, aber voller Spannung und Abwechslungsreichtum. Die Medaille hat eben zwei Seiten. Zum Glück!

Tracklist:
01) stratosphone
02) no command for access
03) be careful with that hammer
04) the grand control
05) fallout kiss
06) dumbo queen
07) tell’em to lock up
08) this is the beginning of a beautiful ending
09) one hour hotel (part i)
10) one hour hotel (part ii)

© written for spoonfork magazin

Posted in Platten
by admin